Das Genus ist ja schon barrierefrei, sogar viel barrierefreier als die ganzen sprachideologischen Verrenkungen - da kann man sich den Besuch solcher aktivistischen Seiten auch einfach sparen.
Hey, damit nicht nur Kritiker*innen zu Wort kommen: Ich befürworte das Gendersternchen (aus allen Gründen, die im vorherigen Text benannt wurden). Desweiteren ein Vorschlag für die Alternativen des generischen Maskulinum und der Doppelnennung, wie wäre es mit dem generischen Femininum? :) Dann wäre natürlich nur die weibliche Gruppe benannt, sollte aber argumentativ so stark sein, wie das generische Maskulinum. Schau doch gern mal in die Richtung, vielleicht gibt die Forschung ja was her!
Vielleicht auch einfach nochmal Nachsitzen in deutscher Sprache - die nicht nur kein "generisches Femininum" kennt, sondern dies auch logisch ausschließt. Mit dem Suffix -in wird die Stammform als weiblich markiert. Erst weiblich markieren, und das dann als inklusiv definieren - sowas machen Sprachaktivisten ohne Sprachkompetenz, aber halt mit ganz viel moralischer Überlegenheit.
Bin völlig entspannt. Und auch null verwundert, dass da jetzt nix mehr in der Sache kommt, sondern ich nur ad personam angegangen werde.
Ist mir auch total klar, dass Du aus der Info null lernst und mit demselben Quark beim nächsten Mal wieder ankommst.
Es geht ja bei Menschen wie Dir überhaupt nicht um Argumente, sondern um irgendeine ideologische Haltung mit eingebauter Vorfahrt. Kann man echt nur zu aufschauen, in aller Gechilltheit!
Du bringst zwar ein gutes Sachargument zum generischen Femininum das ich auch teile, doch wie man den Rat zum "Nachsitzen", die (Feind-)Markierung als "Sprachaktivsten" und das Absprechen von "Sprachkompetenz" als argumentatio ad rem verstehen kann, erschließt sich mir nicht.
Auch aus der Outgroup-Markierung "Menschen wie dir", die "mit demselben Quark beim nächsten Mal wieder" ankommen, lässt sich kein hohes Chilllevel ablesen.
Kommt ja immer auch auf die Satzmelodie an, die Du jetzt so oder auch anders intonieren kannst ;)
In einem Punkt gebe ich Dir aber durchaus Recht: Ich habe mit solchen "Diskurspartnern" schon so häufig zu tun gehabt, dass es schnell passiert, von den da angesammelten Erfahrungen auszugehen und nicht von "Null". Diese gewagte Kombination aus völliger Inkompetenz in der Sache und einer Selbstdarstellung von: "Ich habe da eine total kluge Idee" erzeugt da zumindest zwischenzeitlich auch mal eine gewisse Genervtheit.
Es liegt aber halt auch ojektiv eine gewisse Zumutung darin, mit solchen schon sprachlogisch völlig uninformierten "Vorschlägen" um die Ecke zu kommen und dann als Diskussionsteilnehmer damit ernstgenommen werden zu wollen. Und das ist durchaus typisch für die Freunde des Genderns insgesamt.
Nun, dass es eine schwierige Sache ist, Satzmelodie beim geschriebenen Wort im Sinne des Autors zu rekonstruieren, dessen bist du dir sicher bewusst. Welche Intonation muss man denn in einer Nachricht mit fünf Buchstaben ("Chill") sehen, die einen dazu bewegt, darauf einer 90-mal so langen Nachricht zu antworten?
Ob du mit "solchen 'Diskurspartnern'" schon häufiger zu tun hattest, mag ich nicht einschätzen. Allerdings drängt sich mir der Eindruck auf, dass du aufgrund eines harmlosen, wenn auch uninformierten Kommentars den Verfasser sogleich in die (vermeintlich monolithische) Outgroup "solcher" Menschen eingeordnet hast, denen es "überhaupt nicht um Argumente, sondern um irgendeine ideologische Haltung mit eingebauter Vorfahrt" geht. Zwar gibt es mittlerweile einiges an Forschung zu den motivationalen Ursachen (Stichworte wären u. a. moral grandstanding, virtue signalling, virtuous victimhood), warum manche Menschen öffentlich eine vermeintlich überlegene moralische Positionen beziehen. Doch selbst ein Psychotherapeut sollte diese nicht per Ferndiagnose einer wildfremden Person aufgrund eines einzelnen Substack-Kommentars attestieren.
Es mag sein dass es Menschen gibt, die "sprachlogisch völlig uninformiert" sind. Ihnen böse Absichten zu unterstellen hilft allerdings in den seltensten Fällen dabei, den zwanghaften Zwang des besseren Arguments walten zu lassen.
"Das Sein bestimmt das Bewusstsein." Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass man erst die Gesellschaft ändern muss, dann folgt die Sprache automatisch.
Außerdem ist die geschlechtliche Markierung im Alltag unnötig. Es ist mir egal, ob ich von einem Arzt oder einer Ärztin behandelt werde. Kompetent und gut muss er sein!
Was verleitet Sie zur Annahme, dass nicht genau dieser Prozess gerade stattfindet, sich also erst die Gesellschaft geändert hat und jetzt die Sprache nachzieht? Immerhin sind Frauen mittlerweile sogar Soldatinnen, wie viel mehr müsste sich ändern in der Gesellschaft bevor Sprachveränderungen angemessen wären?
Ganz einfach. Die Veränderungen werden von Außen aufgepflanzt (Medien, Schulen, Politik, ...). Echte Sprachentwicklung findet aber in der Gemeinschaft und relativ langsam statt.
Lieber Herr Tillmann, 2025 ist ein sehr guter, weitgehend unbeachteter Überblick über das Thema von Jan Schneider erschienen: "Das missbrauchte Geschlecht. Gendern ... geht das auch sensibel?" (Weltbuch 2025). Von der Technik kommend, hat sich Schneider (Professor an der Technischen Hochschule OWL) in einem Kapitel den wichtigsten Untersuchungen zur Gendersprache der letzten 20 Jahre gewidmet. Und wie etliche Empiriker vor ihm hat er die gravierenden Schwächen in den Arbeiten von Stahlberg et al. und Gygax et al. usw. gesehen, die als Standardstudien "pro Gendern" gelten, nämlich: die geringe Validität der meist aus dem Kontext gerissenen Sprachbeispiele sowie die mangelnde Repräsentativität der meist sehr kleinen Gruppengrößen bei den Probanden, die sich in vielen Fällen aus Studentinnen unter 30 rekrutierten. (Oder 17 Grundschul-Mädchen in der deutschen Versuchsgruppe, wie im zweiten Experiment von Vervecken & Hanover.) Wenn nun ein systematisches Review die Arbeiten der letzten 30 Jahre zusammenfasst, ohne auf diese Schwachpunkte einzugehen, dann wird auch der Überblick im Großen und Ganzen wieder am Confirmation Bias leiden, den Jan Schneider (und vor ihm andere Gender-Skeptiker) an den meistgenannten Einzelarbeiten festgemacht hat, und diesen Confirmation Bias replizieren.
Dass Gendersprache gleich gut lesbar sein soll wie konventionelles Deutsch, wurde ebenfalls mehrfach in Studien festgestellt. Als Texter und Schreibcoach machen mich diese Ergebnisse stutzig. Denn die Verständlichkeitsmodelle, die sich in der Praxis bewähren (Hamburger Verständlichkeitsmodell und Reading Ease) verweisen jeweils auf Kürze und Einfachheit als Königskriterien verständlicher Sprache. Wie sich das mit der Silbenakkumulation von Genderformen vereinbaren lässt, würde mich wirklich interessieren. Von der Verkomplizierung im Singular, wenn ich z. B. vom Arzt/der Ärztin zu schreiben habe, der/die eine/n Patenten/Patientin untersucht, ganz zu schweigen. - Das sieht ein/e Blinde/r mit der/die Filzkrücke, dass das nicht mit optimaler Verständlichkeit zusammengeht.
Ein weiterer Punkt, auf den Jan Schneider hinweist: Der Female Bias der Gendersprache ist Studien zufolge ungleich höher als der Male Bias der konventionellen Sprache je war. Im Sprachalltag zeigt sich: Wenn von Kund*innen oder Ärzt*innen oder Pat*innen die Schreibe ist, dann kommen Männer in solchen Formen de facto gar nicht mehr vor, denn es gibt keinen "Kund", "Ärzt" oder "Pat". Darf man hier noch von Fairness sprechen? Obendrein kommt es als Nebeneffekt zu einer Sexualisierung der Sprache: Firmen verweisen plötzlich auf "Unternehmenspartner*innen" und Kulturfestivals auf Firmen-"Sponsor*innen", als hätten juristische Personen auf einmal ebenfalls ein dreifaltiges biologisches oder kulturelles Geschlecht. Reichlich overtschendert, das Ganze.
Was mich als studierter Philologe an den Genderideen von Anfang an gestört hat, ist die Pathologisierung der Sprache: Sie wird von der feministischen Linguistik auf ihre vermeintlichen Benachteiligungen und patriarchalen Prägungen untersucht und grell ausgeleuchtet. Dass im Deutschen mit dem Pluralartikel "die" ein massives weibliches Frameset vorhanden ist, wurde immer übersehen. Oder dass die Mehrzahlpronomen "ihr" und "sie" bzw. das höfliche "Sie" eigentlich nur an Frauen denken lassen, wenn man sie ebenso wörtlich verstehen würde, wie das bei Personenbezeichnungen zum Usus geworden ist - auch das ist niemandem aufgefallen. Ein Idiot könnte also fordern, dass er nicht mit dem höflichen "Sie" angesprochen werden möchte und ein höfliches "Er" bevorzugt. Wie sinnlos wäre das!
Im Übrigen wurden Grundannahmen der feministischen Linguistik über die Natur und Genese des generischen Maskulinums mittlerweile sprachwissenschaftlich wiederholt widerlegt, u. a. von den grundlegenden "Studien zum genderneutralen Maskulinum" von Eckhard Meineke (2023). Und die zweite große Fehlannahme der feministischen Linguistik, dass nämlich Sprache im Sinne des Sprachhandelns direkte positive Auswirkungen auf die soziale Sphäre hätte, wäre von Anfang an nicht aufgekommen, wenn Frau Pusch et al. ein bisschen mehr Bourdieu gelesen hätten. Der hat nämlich bereits 1977 festgestellt: "Es ist nicht die Sprache, die spricht, der Diskurs, sondern die ganze soziale Person." Und 1983 hat er noch einmal konkretisiert: "Solange sie die grundlegende Grenze ihrer Wissenschaft nicht kennen, haben die Sprachwissenschafter nämlich keine andere Wahl, als verzweifelt in der Sprache zu suchen, was doch in die Sozialbeziehungen gehört.“
Apropos: Steffen Mau und seine Kollegen haben im Zuge der Studie "Triggerpunkte" (2023) unter anderem herausgefunden, dass Gendersprache zum Dilemma der "exklusiven Inklusivität" führt: „So ergibt sich das Problem, dass Sprache zwar semantisch einschließen, aber zugleich sozial ausschließen kann.“ Für Philipp Hübl ("Moralspektakel", 2024) ist Gendersprache "das neue Latein der akademischen Elite.“ Sie diene vor allem dazu, „sich die eigene Weltgewandtheit zu präsentieren.“
Politisch gesehen werden die positiven Effekte, die Gendersprache bei manchen erzielt, durch einen ungleich höheres Maß an Reaktanz erkauft, was die Parteien des linken Spektrums zu spüren bekommen, deren Wählerinnen und Wähler sich mehrheitlich nicht angesprochen fühlen, wenn von Wähler*innen etc. die Rede ist. Eine repräsentative österreichische Marktstudie (IMAS 2024) hat aufgezeigt, dass die Ablehnung der Gendersprache wächst, je mehr gegendert wird: Während 2016 46 % der Befragten die Gendersprache für eine falsche Entwicklung hielten, waren es 2024 bereits 63 %.
Alle diese Evidenz-Faktoren sollten in jeder Nutzen-Rechnung der Gendersprache ebenfalls Eingang finden. Was die Sprachhandhabe betrifft, kann ich der Position der Genderlinguistin Helga Kotthoff viel abgewinnen: Sie meint, dass wir den Blick wieder auf das große Ganze eines Textes richten sollten und in diesem Gefüge nach einer gerechten Repräsentation der Geschlechter trachten - wodurch es unnötig wird, jede Personenbezeichnung mit einem Gendersignal anzureichern. Kotthoff: „Wenn wir in literarische Werke hineinschauen, begegnen uns jede Menge solcher geschlechterübergreifend gemeinter Maskulina – und sofern sie im Plural auftauchen, wird diese Referenz erst allmählich konkretisiert. Dann entsteht vor unserem inneren Auge peu à peu ein buntes Personengemisch. Ja, allmählich!! Die kognitionspsychologischen Experimente unterstellen hingegen eine sofortige Festlegung." (Koffhoff, 2021, in der Zeitschrift "Der Sprachdienst")
"Gendern auf Teufel*in komm raus" (wie Kotthoff ihren Text nannte), ist der falsche Weg.
Zunächst: Auch von mir vielen Dank für die stets gut recherchierten und unaufgeregten Artikel, dafür dass du dich regelmäßig traust, dich zwischen alle Stühle zu setzen, und ebenso für deine wertschätzende Art mit Kommentaren (sei es hier oder z. B. auf LinkedIn) umzugehen.
Dieser Kommentar sollte eigentlich unter dem ersten Gendern-Artikel landen, doch die Substack-Karawane ist schon weitergezogen, daher poste ich ihn jetzt hier. In diesem neuen Artikel geht es dir um die relativen Kosten. Ich hänge allerdings weiterhin bei den Faktoren „Wirksamkeit“ und „Evidenzqualität“ aus deiner Formel.
Die Review von Cruz-Neri versammelt verschiedene Typen von Studien, darunter ein Großteil an Assoziationsstudien die zeigen, dass Gendern, wie du schreibst, einen „Effekt auf die mentale Sichtbarkeit von Frauen” hat. Selbiges gilt für die Brohmer-Studie von 2024.
Damit machen sie es sich in mehrfacher Hinsicht zu einfach:
Zunächst wird Sprache meist nicht so verarbeitet, dass damit automatisch Bilder oder andere mentale Repräsentationen im Kopf erzeugt werden. Wenn das so wäre, könnte man abstrakte Sätze wie „Bedeutung entsteht erst durch Interpretation” gar nicht verstehen, und wäre sich völlig uneins darüber, was mit ”Ein Hund bellt” gemeint sein könnte (Wie sieht der Hund aus? Wo befindet er sich? Bellt er jemanden/etwas an?).
Im Anschluss an diese Fehlannahme wird die Funktion des generischen Maskulinums missverstanden: In der Tat ist es nicht so, dass „Die Chirurgen“ immer neutral alle Geschlechter repräsentiert, denn „um generisch verstanden zu werden, benötigt das Maskulinum einen passenden Kontext“ (Payr 2021, 29). Wenn der gegeben ist, dann werden nicht Männer gemeint und Frauen mitgemeint, sondern es werden weder Männer noch Frauen gemeint. Die Generizität des generischen Maskulinums besteht nicht darin, Frauen neben Männern gleichberechtigt „sichtbar“ zu machen, sondern darin, niemand Konkretes zu referenzieren. Effektiv stützen sich Aussagen zu „Bildern im Kopf“, „kognitiver Sichtbarkeit“ etc. auf die Sapir-Whorf-Hypothese in ihrer starken Form. Diese gilt in der Linguistik allerdings, meines Wissens nach, als widerlegt (vgl. z. B. McWhorter: „The Language Hoax“, 2014).
Zwei Beispiele zu diesen Assoziationsstudien:
Beim „Famous Person Task“ (z. B. in Stahlberg, Sczesny und Braun, 2001) wird von vornherein nach konkreten Personen gefragt, hier muss man sich also entscheiden wie man auflöst.
Mehr noch: Aus dem Haupttext der Studie lässt sich ableiten, dass in den Fragen auch Singularformen („Romanheld“) verwendet wurden, die im aktuellen Sprachgebrauch meistens nicht generisch verstanden werden können. (Anders sieht das aus bei Sätzen wie „Ein Lehrer verdient ganz gutes Geld.“, s. https://archive.ph/5Rh48; „Ich als Rentner habe ich ja Zeit.“, meine Mutter neulich) Den gesamten Versuchsaufbau sowie die Rohdaten der Stahlberg-Studie kann ich leider nirgends finden und somit nicht einsehen, wie diese Fragen das Ergebnis beeinflussen.
Bei anderen Studien (z. B. Klimmt et. al., 2008) wurden die Teilnehmer gebeten, nach Lektüre eines Nachrichtentextes über streikende Ärzte zu schätzen, wie viele Männer und Frauen dabei waren. Eine Aussage wie „Die Ärzte der Charité streiken heute“ kann allerdings nur so lange generisch verstanden werden bis man danach fragt wie viele Männer und Frauen unter ihnen sind.
Derartige Kritiken wurden schon vielerorts von Linguisten und Philologen vorgebracht, auch schon vor 2024. Die Brohmer-Studie aus ebendiesem Jahr arbeitet zwar mit viel mehr Teilnehmern als die Assoziationsstudien vor ihr, verwendet aber weiterhin das linguistisch und grammatikalisch uninformierte Studiendesign, ohne die genannten Einwände auch nur zu benennen.
Immerhin nutzt sie im Gegensatz zum Stahlberg-Original keine Fragen im Singular. (Ob sie damit noch „Replikation“ genannt werden kann? Das nur am Rande.)
Zusammengefasst: Diese Studien zeigen, dass das Maskulinum dann nicht generisch wirkt, wenn man es in einer Situation verwendet, in der es nicht generisch wirken kann. In den so hergestellten Situationen lässt sich dann ein (mal mehr, mal weniger stark ausgeprägter) Bias feststellen, was die Nennung von Frauen gegenüber Männern angeht. Daraus ließe sich zunächst nur ableiten dass, wenn man diesen Bias verhindern will, das Maskulinum dort nicht „unmarkiert“ verwendet werden sollte, wo es um *konkrete* Personen geht. Ein Imperativ zum Gendern im allgemeinen Sprachgebrauch wird durch die Daten nicht gestützt, denn sie befassen sich mit diesem überhaupt nicht. Weiterhin stellt sich die Frage, ob man gerade gendern wollen sollte, um diesen Bias verhindern. Dazu weiter unten mehr, wenn es um die Stellenanzeigen-Studie „Debiasing job ads” geht.
Zunächst sei mir noch etwas mehr Krittelei erlaubt, denn andere Aspekte der Studiendesigns sind ebenfalls fragwürdig: In Körner et. al. (2022, erwähnt im Cruz-Neri-Review) wurde gefragt, wie logisch den Teilnehmern Folgesätze auf geschlechtsneutral gemeinte Aussagen erschienen, z. B. „Die Konzert-Zuhörer waren schon vor Ort.“, gefolgt von „Man konnte sehen, dass ein Teil der Frauen gelangweilt war.“ Hier ist also eine Teilmenge einer Teilmenge gemeint: Unter den Zuhörern sind Frauen, und unter diesen wiederum sind welche, die sich langweilen. Solche Sätze wurden langsamer verarbeitet und als weniger passend empfunden, wenn „Zuhörer“ nicht gegendert war. Allerdings würde man in einer Alltagssituation eigentlich sagen (müssen): „Man konnte sehen, das ein Teil der Frauen *unter ihnen* gelangweilt war.“
Dasselbe Muster findet sich in der EEG-Studie Glim et. al. (2024): „Die Schauspieler verließen die Duschen. Trotz ihrer Anspannung summte ein Teil der Frauen ein fröhliches Lied“; ebenso in Glim et. al. (2025): „Die Ärzte besuchten einen Kongress. Nach dem letzten Vortrag waren die meisten Frauen erschöpft“.
In diesen speziellen Fällen fiel die Disambiguierung des zuvor generischen Maskulinums schwerer. (Vgl. ein analoges Beispiel in Wegener: „Untersuchungen zur Interpretation generisches Maskulina – die Tests“, 2024). Eine Verallgemeinerung darauf, dass das generische Maskulinum im allgemeinen Sprachgebrauch schlechter zu disambiguieren ist, lassen diese Designs m. E. nicht zu.
Der Review von Cruz-Neri ist zwar von 2025, nennt aber unter den Assoziationsstudien fast nur eben solche „instabilen Kleinststudien“ die älter als 10 Jahre sind. Zumindest was diese Untermenge angeht kann also nicht von einem „massiven Qualitätssprung“ die Rede sein.
Soweit ich sehen kann, gab es als Kriterium für die Aufnahme in den Review nur dies: „they conducted empirical research examining the effects of GFL (compared to the GM) on a sample.“ Ausgeschlossen wurden damit leider Studien die nicht in der Tradition von Luise F. Pusch stehen, z. B. die von De Backer & De Cuypere (2012). In der wurden Maskulina von 93% (Niederländisch) bzw. 97% (Deutsch) der Teilnehmer auch generisch interpretiert.
Nun zur angeteaserten PNAS-Studie „Debiasing job ads by replacing masculine language increases gender diversity of applicant pools”. Deren Autoren sind anscheinend nicht Castilla & Rho, sondern Joyce & Kang (DOI 10.1073/pnas.2409854122). Eine Studie von Castilla & Rho gibt es, sie ist von 2023 und heißt ”The Gendering of Job Postings in the Online Recruitment Process” (DOI 10.1287/mnsc.2023.4674). In ihrem Abstract steht: ”Our analyses ultimately show negligible effects for both the gendering of job postings or of the job poster, and we therefore conclude that, in practice, employers’ efforts to simply tweak the language of recruitment messages do not matter much for gender equality and diversity.”
Die Studie von Joyce & Kang ist aus mehreren Gründen interessant: Sie zeigt eine realweltliche Auswirkung von Sprachgebrauch darauf, wer sich von Stellenausschreibungen angesprochen fühlt und wer nicht. Die bisher genannten Studien bewerten – so mein Verständnis – schon das bloße Vorkommen vom oben beschriebenen Bias als zu korrigierende Ungerechtigkeit. Das zeigt sich in der Benennung (im Framing, möchte man sagen) von gegenderter als „geschlechtergerechter“ Sprache und der entsprechenden Zielsetzung: „combat linguistic imbalances rooted in the common use of the GM“ (Cruz-Neri). Es ist ein nachvollziehbarer moralischer Impuls, bei den „Bildern im Kopf“ ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis herstellen zu wollen. Diese Ausgeglichenheit fühlt sich für die meisten intuitiv einfach gerechter an – da braucht es keinen Beleg mehr dazu, in welcher Weise z. B. die freie Selbstentfaltung eines jeden weiblichen Menschen eigentlich durch das GM im allgemeinen Sprachgebrauch eingeschränkt wird. Doch wie auf diesem Blog schon geschrieben: „Wer Ungerechtigkeit wirklich bekämpfen will, darf sich nicht mit dem Gefühl begnügen, etwas Gutes zu tun.” (https://nullhypothese.substack.com/p/die-woke-bewegung-braucht-keine-neue)
Die Studie von Joyce & Kang erbringt den Nachweis etwas Gutes zu tun, und zwar im konkreten Fall von Stellenausschreibungen. Man kann ziemlich straightforward argumentieren, dass einer Person ein Nachteil erwächst, wenn sich diese nur wegen der “maskulinen“ Wortwahl für eine Stelle weniger geeignet sieht. Kontext, Intervention und v. a. handfester Effekt sind also klar abgesteckt. Hingegen sind mir leider keine Studien bekannt, die einen kausalen Zusammenhang etablieren zwischen Gendern im allgemeinen Sprachgebrauch und einer messbaren Verbesserung der Lebensumstände oder Chancengleichheit von Frauen (oder nichtbinären Personen). Absence of evidence is not evidence of absence, doch trotz generischem Maskulinum und tiefliegenden Stereotypen bezüglich des Arztberufs stieg der Anteil weiblicher Medizinstudenten an Deutschen Unis von 29% in den 70ern auf mittlerweile 65%. In der vollkommen genuslosen (und übrigens auch artikellosen) finnischen Sprache ist „lakimies“ das Wort für „Jurist“ – wörtlich „Gesetz-Mann“. Dennoch lag der Anteil der weiblichen Jurastudenten in Finnland bereits 1981 bei 50% und nun (2024) bei 65%. Falls es also eine positive Wirkung des alltäglichen Genderns auf realweltlich messbare und nicht nur gefühlte Geschlechtergerechtigkeit gibt, dann kann diese nicht allzu ausgeprägt sein, denn auch in seiner Abwesenheit hat sich schon enorm viel getan.
Zudem verkompliziert die Studie von Joyce & Kang das Bild noch weiter, denn sie zeigt wie – abseits von Asterisk, Doppelpunkt und Beidnennung – schon „maskulin kodierte Begriffe” einen Einfluss auf das ”anticipated belonging” haben, und das nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern die sich selbst als weniger maskulin einschätzen. Einen Beleg für die Wirksamkeit des Genderns stellt das nicht dar. Wenn man daraus einen Imperativ ableiten will dann ist es dieser: Um den Bewerbungspool zu diversifizieren sollte man tunlichst verhindern, irgendwelche Signale zu senden, die potentiell geeignete Bewerber abschrecken könnten. Dazu gehören dann aber wohl nicht nur Geschlechtsstereotype; ebenso möchte man wohl die Chancen erhöhen, dass das Arbeiterkind und der Migrant sich in einer Stellenausschreibung wiederfinden können. Ironischerweise könnte Gendern hier sogar kontraproduktiv sein: In der Studie von Lenhart und Heckel (2025) zeigen die 8-11jährigen Mädchen eine höhere berufliche Selbstwirksamkeit, wenn typisch männliche Berufe geschlechtergerecht benannt wurden. Die Verbesserung lag bei 2,42 Punkten auf einer Skala bis 39, also nicht gerade überwältigend. Der Twist: Bei den gleichaltrigen Jungen sank zugleich die Selbstwirksamkeit durch die Beidnennung um 0,81 Punkte.
Auch hier ist mir noch nicht klar, ob die Unterschiede im Sich-Zutrauen bei Kindern in diesem Alter einen Einfluss auf ihren späteren Lebensweg haben werden. Dafür wäre wohl eine Längsschnittstudie von Nöten. Möglicherweise wären die ohnehin schon geringen Verschiebungen noch geringer, wenn unter den typisch männlichen Berufen nicht auch der der sexusmarkierte „Feuerwehrmann“ vorgekommen wäre. Bei einer Batterie von gerade einmal neun Items könnte das einen signifikanten Unterschied machen. Selbiges gilt für den Berufs des „Krankenpflegers“ unter den typisch weiblichen Berufen (denn weibliche Krankenpfleger nennt man landläufig Krankenschwester).
In der ähnlich gestalteten Studie von Vervecken & Hannover (2015) gesellt sich zum Feuerwehrmann noch der Geschäftsmann. Kurz: Auch hier sind Studiendesign und handfester Effekt fragwürdig. Wer dennoch in der gemessenen Unausgewogenheit ein Problem identifiziert zu haben glaubt, der sollte es konsequenterweise auch als Problem ansehen, wenn sich Jungen durch’s Gendern einen Beruf weniger zutrauen.
In der schon genannten EEG-Studie von Glim (2025) war der kognitive Aufwand am höchsten für die Satzkombination „Die Schauspieler*innen verließen die Duschen. Trotz ihrer Anspannung summte ein Teil der Männer ein fröhliches Lied.“ – höher noch als für die Variante mit „Schauspieler“ und „Frauen“. Die Autoren schreiben dazu: „This finding constitutes a female bias (presumably dating from the rather high perceptual similarity between the gender star form and the feminine plural form) and suggests that the gender star [...] might be unsuited to represent different genders equally well.“ Selbiges lässt sich auch vermuten, wenn man sich die Ergebnisse von Körner et. al. (2022) anschaut. Die Satzkombination „Die Konzert-Zuhörer*innen waren schon vor Ort. Man konnte sehen, dass ein Teil der Frauen gelangweilt war.“ wurde als weniger passend empfunden.
Mir scheint also: Wenn man niemanden ausschließen oder entmutigen möchte, dann scheint Gendern dazu nicht nur nicht das einzige Mittel zu sein (nach Joyce & Kang), sondern diesem Ziel manchmal sogar zuwiederzulaufen. Um dieses Argument noch breiter aufzustellen: Eine konsequent durchgegenderte Stellenanzeige sagt etwas über die Unternehmenskultur aus. Man darf vermuten, dass „anticipated belonging“ gerade bei denen am geringsten sein wird, die nicht schon von Haus aus zu den „symbolischen Kapitalisten“ (Musa al-Gharbi) gehören, nämlich Menschen aus den unteren sozialen Schichten und/oder denen aus dem ländlichen Raum (vgl. https://charts.bpb.de/jGxut/6/). Mit Paul Watzlawick könnte man sagen: "Die Lösung ist das Problem".
Was also tun? Wer im Englischen eine „actress“ war ist heute ein „actor“, im Schwedischen ist eine „lärarinna“ schon länger ein „lärare“, im Niederländischen eine „lerares“ ein „leraar“. Generizität im Sprachverständnis wird angestrebt, indem diese Worte generisch verwendet werden. Entsprechend entstanden auch „they“ (Englisch) und „hen“ (Schwedisch) als neutrale Artikel. Das Elegante daran: Wo sprachlich nicht mehr zwischen Mann und Frau unterschieden wird, kann Sprache auch keine (angenommene) Hierarchie, Sichtbarkeitsdefizite oder sonstige Unterscheidungen mehr zwischen diesen bilden. Für das generische Maskulinum galt das ohnehin schon. Unsere sprachlichen Nachbarn ziehen es jetzt selbst für konkrete Personen durch. Nur da wo Generizität explizit unerwünscht ist, wird sie auch verhindert: Ein weiblicher schwedischer Lehrer ist ein „kvinnlig lärare“, sein männlicher Kollege ein „manlig lärare“.
Der deutsche Sonderweg liegt nun darin, das genaue Gegenteil zu tun: Immer beide (oder mit Asterisk alle) zu nennen. Es wird nicht mehr meistens nicht zwischen Mann und Frau unterschieden, sondern stattdessen immer. Wo das passiert, muss Frau auch immer mitgenannt werden. Die Hierarchie wird nicht abgeschafft; stattdessen werden Frauen in jedem Sprech- und Schreibakt erneut auf die Ebene des Mannes hochgehievt. Auch das Neutralisieren durch Partizipialformen hilft dabei nicht, denn wenn Generizität nicht mehr angenommen werden kann, dann ist „der Jagende“ immer ein Mann. Zudem kollidiert das Partizip regelmäßig mit der Realität, z. B. in Sätzen wie „Die noch am Unfallort verstorbenen Fahrradfahrenden“ oder die im Iran „nach kurzem Prozess hingerichteten Protestierenden“.
vielen Dank für diesen außergewöhnlich fundierten und tiefgehenden Kommentar. Das ist genau die Art von „Peer Review“, die ich mir für die Nullhypothese wünsche, auch und gerade, wenn sie wehtut, weil sie Finger in offene Wunden legt.
Ich möchte auf deine Punkte konkret eingehen, da sie für meine Einordnung entscheidend sind:
1. Mea Culpa zur Zitation: Du hast vollkommen recht: Ich habe hier Castilla & Rho (2023) mit Joyce & Kang (2024) vermischt bzw. falsch zugeordnet. Das ist ein handwerklicher Fehler, den ich im Artikel umgehend per Edit/Fußnote korrigieren werde. Danke für die präzise Richtigstellung, die Differenzierung zwischen „maskulin kodierten Adjektiven“ und grammatischem Genus ist hier essentiell.
2. Qualität der Evidenz (Brohmer et al.): Hier würde ich dir in Nuancen widersprechen bzw. präzisieren wollen. Meine Aussage zum „Qualitätssprung“ bezog sich primär auf die methodische Robustheit (Präregistrierung, Multi-Lab-Design, große N), die Brohmer et al. (2024) im Vergleich zu den instabilen Kleinststudien der 90er/00er Jahre auszeichnet. Dass es sich im Kern immer noch um Assoziationsstudien handelt und man trefflich darüber streiten kann, inwieweit Labor-Assoziationen („Welches Bild hast du im Kopf?“) auf natürliches Sprachverstehen im Flow („Der Hund bellt“) übertragbar sind, gestehe ich zu. Dennoch halte ich den nachgewiesenen Bias in diesen Laborsituationen für ein hinreichend starkes Indiz, dass das generische Maskulinum zumindest eine kognitive Hürde darstellen kann auch wenn es keine absolute Mauer ist. Anders gesagt: Ich sehe hier einen Qualitätssprung, aber es auch noch viel Luft nach oben.
3. Realitäts-Check und Whorf: Dein Hinweis auf Finnland und die Entwicklung der Studierendenzahlen in Deutschland ist ein starkes Argument gegen die starke Sapir-Whorf-Hypothese. Sprache ist sicher nicht der alleinige Determinant der Realität. Aber Studien wie die von Joyce & Kang zeigen eben auch, dass Sprache ein Signal für „Anticipated Belonging“ sein kann. Zumal ich auch nicht davon ausgehe, dass der Effekt von Sprache auf Verhalten besonders groß ist, ich halte ihn aber für <0.
Mein Fazit: Ich stimme dir zu: Ein wissenschaftlicher Konsens, der einen Imperativ zum Gendern rechtfertigt, existiert nicht. Die Datenlage ist komplex und teils widersprüchlich (siehe Lenhart & Heckel zu Jungen). Dennoch reicht mir die vorliegende Indizienlage (der Bias in Assoziationsstudien plus das Signal-Argument), um für diesen Blog eine freiwillige persönliche Entscheidung zu treffen. Ich wähle die Doppelnennung („Studentinnen und Studenten“) als pragmatischen Mittelweg. Sie vermeidet die von dir zu Recht kritisierten Barrieren und den „Symbolkapitalismus“ des Sternchens, adressiert aber den Assoziations-Bias besser als das reine Maskulinum.
Danke, dass du mich hier „ehrlich hältst“. Ich nehme deine Punkte zur Assoziationskritik und zur Fehleranfälligkeit als ständige Mahnung mit in meine weitere Arbeit.
Das ist eine exzellente Schärfung, danke dafür. Du hast recht: Im Labor (C1) wird eine Entscheidung erzwungen („Malen Sie einen Forscher“), während wir im Lesefluss (C2) oft gar keine konkreten Bilder abrufen. Die Übertragung ist also tatsächlich der kritische Punkt.
Ich würde dir aber an einer Stelle widersprechen: Ich glaube nicht, dass wir „neutral“ verarbeiten, nur weil wir nicht bewusst desambiguieren. Mein Gegenargument wäre die Prototypen-Theorie. Auch wenn ich bei „die Urheber der Theorie“ kein konkretes Gesicht vor mir sehe, läuft im Hintergrund ein semantisches Programm ab. Und da unser Gehirn auf Effizienz getrimmt ist, greift es auf den stärksten Prototypen zurück.
Das merke ich bei mir selbst am stärksten im akademischen Kontext (und das war für mich der „Aha-Moment“): Wenn ich in einem Paper „Müller, T.“ lese, ist meine Standard-Annahme fast automatisch „Thomas“ und nicht „Tanja“. Ich muss aktiv Energie aufwenden, um diese Annahme zu korrigieren.
Wenn ich also „die Forscher“ schreibe, mag das für den Leser im Moment des Lesens vage bleiben. Aber ich vermute stark, dass sich diese vagen Assoziationen über die Zeit zu einem Weltbild summieren, in dem Handeln (Forschen, Urheben) männlich codiert bleibt. Die Doppelnennung ist für mich der Versuch, dieses „Hintergrundrauschen“ präziser zu machen – gerade weil wir oft nicht bewusst darüber nachdenken.
Es ist also weniger Pascals Wette (Angst vor dem Fehler), sondern eher der Versuch, den Default-Modus meines eigenen Gehirns (und den meiner Leser) ein wenig zu „de-biasen“.
Wenn man will, dass sich mehr Frauen bewerben, hilft es genauso, in die Stellenanzeige zu schreiben, dass die Stelle nicht so schwierig auszuüben ist.
Ähnlicher Effekt - aber weniger Menschen sind genervt von der Genderei ;-)
Für die "Gerechtigkeitsstudien" ist es darüber hinaus bezeichnend, dass solche alternativen Strategien nie vergleichend herangezogen/getestet werden. Offensichtlich will man nicht herausfinden, wie man am meisten Frauenbewerbungen bekommt, sondern mal sucht halt nach einem präsentablen Grund für einen unbeliebten Soziolekt.
Hey. meiner Meinung nach erfasst du noch immer nicht ausreichend die systemische Perspektive. Mir leuchtet bspw. gar nicht ein, warum "non-binäre Identitäten" sich von einem * angesprochen fühlen sollten, das man zudem im Gesprochenen ja nicht ausspricht. (Es gibt ggf. diesen seltsamen glottal stop, aber das würde heißen: mit einem Nullpunkt und Anhalten des Sprachflusses, einer Leere eigentlich, repräsentieren wir die Non-Binären? Finde ich skurril.
Meiner Ansicht nach spricht das Vorhandensein dieser Non-Binären eher dafür, dass das generische Maskulinum deutliche Vorteile hat und dass man die damit verbundenen negativen Effekte (es wird eher an Männer gedacht, will ich nicht leugnen), besser über andere Mechanismen kompensieren könnte. (Es gibt diese Überbetonung dessen, das Sprache Realität schafft, aber nicht anders herum, dabei gilt natürlich beides, aber andersherum ist viel evidenter.)
Wenn du verstanden hast, was du andeutest, dass eine Mehrheit der Bevölkerung das Gendern ablehnt, und wenn du zudem verstanden hast, was du andeutest, dass es als Bevormundung empfunden wird, ein von oben Aufoktroyieren, inwiefern kommt es in deiner mathematischen Berechnung vor (btw ebenfalls linkshemispherisch, so etwas mathematisch berechnen zu wollen, ich erinnere an den Utilitarismus bei Bentham), dass du dich durch Gender-gerechte Sprache ob du willst oder nicht zu einem Mitläufer der politischen Kontrolle von oben machst? ;) Nur so als Gedankenspiel. Was kommt nach dem Gendern? Wie gewichtest du das hohe gut einer offenen Gesellschaft, dass die Menschen sprechen dürfen sollten, wie sie wollen. (Ich weiß, du sagst, dass du jeden sprechen lassen willst, wie er will, aber damit bist du in der Gender-Community offensichtlich in der Minderheit -- du schließt dich systemisch betrachtet also durch dein Verhalten einer Minderheit an, die eine Mehrheit beherrschen und unterdrücken will. Ist es das wert?)
(Ich nehme an, du siehst sofort, dass das kein persönlicher Vorwurf sein soll, sondern eine Art Gedankenexperiment.)
Alles gut, ich finde natürlich andere Perspektiven immer erfrischend! Gerade wenn sie nicht meinem Denksschema entsprechen ;).
Aber vorweg: Ich bin auf jeden Fall gegen Zwänge in dieser Hinsicht und Personen sollten auf keinen Fall dafür sanktioniert werden, wie sie sprechen. Für mich war die Evidenz ausreichend zu sagen "Ja, mach ich mal mit", aber wie im Post beschrieben habe ich da gewisse Dinge unterschätzt (ggf. auch weil das in meiner Bubble kaum ein Problem mit der Reaktanz war). Und natürlich ist auch unklar: Ist das überhaupt der beste Weg damit umzugehen. Von meiner Seite aus war das generell eher ein "Ich erkläre mal, wieso ich das mache und das es bei mir nicht reine Ideologie ist", auch wenn natürlich (wie andere auch angemerkt haben) hier schon ein gewisses Weltbild zu Grunde liegt, das ich natürlich auch nicht ablehnen kann.
Schon das Gerede von "Angesprochen fühlen" ist doch Teil von Ideologie und Verblödung. In 98% der Fälle wird überhaupt niemand "angesprochen", sondern es wird auf Dritte verwiesen.
Screenreader sind Software. Die kann man auch so programmieren, dass sie brauchbaren Output liefern. Also z.B. mit einer Regel „Den Genderstern *in oder *innen als Glottisschlag, also 'in oder 'innen lesen“. Auch Web-Browser sind Software, selbst dort könnte man per Plugin gegenderte Texte in die vom Benutzer gewünschte Form bringen. So ein Plugin für die 70%, die das Gendern ablehnen, gibt es mit „Binnen-I be gone“ sogar. Aber Chrome-Plugins installieren, das ist was für die Nerds. Die Zielgruppe dieses Plugins liest das Web wahrscheinlich mit IE 6 auf Windows XP. JavaScript auf der eigenen Seite könnte das auch, müsste man aber selbst programmieren, oder das Framework (hier: Substack) anbieten.
Wir haben heute viel mehr Möglichkeiten, barrierefrei zu schreiben. Früher gab es Zeitungen auf Papier, und schon die Schriftgröße war festgelegt. Die eine Zeitung hatte große Blätter mit kleinem Font, und schrieb in langen Artikeln mit komplexen Sätzen und großem Wortschatz für die Gebildeten, die andere hatte kleine Blätter, große Buchstaben und schrieb in kurzen Artikeln in einfacher Sprache für die Leute mit wenig Bildung. Leider hat man vergessen, dass das die Mehrheit ist, und dass die dann die rechte Hetze dieses Blatts übernehmen, dass man als intellektueller Liberaler (im ursprünglichen Wortsinne) nicht nur für die In-Group schreiben darf, weil die Mehrheit entscheidet.
Heute kann der Leser am Bildschirm schon mal die Größe selbst einstellen. Er kann eine KI fragen, „bitte fasse mir diesen Artikeln in einfacher Sprache zusammen“, und das sind so die Aufgaben, die die LLMs sogar noch ganz passabel hinbringen.
Wenn man seine Zielgruppe gut kennt, und keinen Bedarf an einer größeren Reichweite sieht, kann man auch einfach direkt für genau die Zielgruppe schreiben. Aber wenn ich 70% der Leser¹ verliere, weil ich einen Soziolekt verwende, mit dem sie sich nicht identifizieren, dann muss ich mir was überlegen. Klar, als erstes natürlich: erreiche ich die mit meinen Themen überhaupt, oder lesen die nur den Sportteil?
Also: Analyse der Zielgruppe (gewünscht und tatsächlich), kann ich Barrierefreiheit auf der Leser- statt auf der Schreiberseite erreichen (mit technischen Mitteln). Brauche ich für verschiedene Zielgruppen u.U. verschiedene Texte, mal das Wesentliche kurz und verständlich in leichter Sprache, mal alle Hintergründe mit vielen Details? Packe ich die Details in Fußnoten, damit der Haupttext flüssig lesbar bleibt? Was macht dann der Screenreader?
Die Welt ist nicht-binär. Es gibt auch nicht nur die eine Achse Geschlecht. Und wie mache ich auf die Gruppe der Eulen aufmerksam, die von den Lerchen zum frühen Aufstehen genötigt werden? Ganz anderes Thema, aber auch eine große Gruppe der Bevölkerung, deren Bedürfnisse systematisch ignoriert werden.
¹) Bei dieser Gruppe reicht das Maskulinum. Wirklich.
Danke für die ausführliche Aufbereitung und die Quellen. Ich verstehe allerdings die Funktion der Umfrage nicht. M. e. erzeugt sie keine für die Formel relevanten Datenpunkte.
Sie fragt eine persönliche Präferenz ab, klärt aber nicht, für welchen Teil der Lesendenschaft die Lesbarkeit tatsächlich erschwert wird.
Da geht es auch nicht um die Lesbarkeit, sondern tatsächlich um die Präferenz des Publikums. Dabei gehe ich davon aus, dass die Präferenz quasi das Endresultat der Lesenden zu verschiedenen Überlegungen ist: politische Präferenz, Lesbarkeit, andere Überlegungen und nehme das als Gesamtdatenpunkt für meine Überlegungen.
Ich selbst habe keine glasklare Linie. Ich mache irgendwie mal so mal so... Aber ich halte Option 3 (Jagende) für die Version, die best of both worlds ist, wenn ich mir deine Vor- und Nachteile-Liste so anschaue. Passt meiner Erfahrung nach nur nicht immer. Bei den Jagenden, zum Beispiel: Die sind ja nicht immer beim Jagen, also auch nicht immer Jagende. Eine sprachliche Ungenauigkeit. Die meisten Menschen dürfte das nicht stören.
Und wo kann man dafür stimmen, sich einfach an geltenden Schreibregeln zu orientieren - die objektiv per definitionem auch nonbinäre Personen bezeichnen, ohne große Mehrheiten zu verärgern, ohne Sprachnovizen und Legastheniker zu belasten und ohne jeden Satz über grammatisches Entgleisen zu einem politischen statement zu formen... ;-) ?
Zudem ist es auch ein wenig unverständlich, hier in dieser Weise milieuspezifische Entscheidungen treffen zu wollen, und dies unironisch unter dem Label von "Inklusion". Und dann noch angesichts des offensichtlich akademischen Publikums anzunehmen, die könnten vielleicht zu kritisch gegenüber diesem Soziolekt sein, der ebendort überhaupt erst entwickelt wurde und auch im weiteren Sinn nur dort vorkommt.
;). Dafür kann man nicht stimmen, weil ich immer noch der Meinung bin, das gegenderte Sprache einen Effekt hat, den ich gerne mitnehmen möchte. Ich stelle es also nicht generell sondern lediglich in der Ausführung zur Debatte. Und das findet nicht unter dem Label der Inklusion statt, sondern mir wurde eine Reihe von Faktoren aufgezeigt, die hier berücksichtigt werden sollten (eins davon ist Inklusion) und deren Berücksichtigung ich hier auch für sinnvoll halte.
Das versteh' ich sehr gut! Breite und hohe Fairness der Diskussion halte ich für dein Verdienst. Letztlich ufert es auch aus; spätestens dann, wenn man sprachliche Phänomene wie "Damen und Herren" –> dämlich / herrlich mit einbeziehen wollte. Darum finde ich die Beschränkung auf "gendern, und wenn ja: wie?" sinnvoll.
Gegenderte Sprache hat sogar *viele* Effekte. Die meisten davon nur halt ziemlich destruktiv ;-)
Zudem ist das Genus per definitionem und auch aus Sicht einer großem Mehrheit fast aller Gesellschaftsgruppen "inklusiv". Die ganze Diskussion ist daher ziemlich ausgedacht - so wie die Umfrage eben ideologisch voraufgeladen.
Meine Präferenz wäre die "Neutralisierung", wo passend. Alternativ "würfeln" 1/4-männlich, 2/5-weiblich, 3-neutral, 6-Genderstern
Mich würde ein weiterer genderspezifischer Punkt interessieren: Abstufungen zwischen Geschlechtern. So redet mensch von "Mann und Frau" sowie "Damen und Herren". Nun sind "Frauen" ursprünglich den adligen "Herren" gleichgestellt (waren diesen eventuell "unterstellt"), nicht aber den "gewöhnlichen" Männern (oder gar den zu diesen gehörenden "Weibern"). "Damen", also Königinnen, vgl. Schachspiel, stehen selbstverständlich über den Herren und werden daher auch zuerst genannt. Wie sollte dieser Ausdruck von Ungleichheit behandelt werden? Immerhin betrifft er größere Bevölkerungsgruppen mit realen Nachteilen hinsichtlich Lebenserwartung, Obdachlosigkeit, Suiziden, Gewalterfahrungen, ...
Bzgl. der Barrierefreiheit hier evtl. noch ein hilfreicher Link (recht weit unten auf der Seite):
https://www.genderleicht.de/10-genderregeln/
Das Genus ist ja schon barrierefrei, sogar viel barrierefreier als die ganzen sprachideologischen Verrenkungen - da kann man sich den Besuch solcher aktivistischen Seiten auch einfach sparen.
Hey, damit nicht nur Kritiker*innen zu Wort kommen: Ich befürworte das Gendersternchen (aus allen Gründen, die im vorherigen Text benannt wurden). Desweiteren ein Vorschlag für die Alternativen des generischen Maskulinum und der Doppelnennung, wie wäre es mit dem generischen Femininum? :) Dann wäre natürlich nur die weibliche Gruppe benannt, sollte aber argumentativ so stark sein, wie das generische Maskulinum. Schau doch gern mal in die Richtung, vielleicht gibt die Forschung ja was her!
Vielleicht auch einfach nochmal Nachsitzen in deutscher Sprache - die nicht nur kein "generisches Femininum" kennt, sondern dies auch logisch ausschließt. Mit dem Suffix -in wird die Stammform als weiblich markiert. Erst weiblich markieren, und das dann als inklusiv definieren - sowas machen Sprachaktivisten ohne Sprachkompetenz, aber halt mit ganz viel moralischer Überlegenheit.
Chill
Bin völlig entspannt. Und auch null verwundert, dass da jetzt nix mehr in der Sache kommt, sondern ich nur ad personam angegangen werde.
Ist mir auch total klar, dass Du aus der Info null lernst und mit demselben Quark beim nächsten Mal wieder ankommst.
Es geht ja bei Menschen wie Dir überhaupt nicht um Argumente, sondern um irgendeine ideologische Haltung mit eingebauter Vorfahrt. Kann man echt nur zu aufschauen, in aller Gechilltheit!
Du bringst zwar ein gutes Sachargument zum generischen Femininum das ich auch teile, doch wie man den Rat zum "Nachsitzen", die (Feind-)Markierung als "Sprachaktivsten" und das Absprechen von "Sprachkompetenz" als argumentatio ad rem verstehen kann, erschließt sich mir nicht.
Auch aus der Outgroup-Markierung "Menschen wie dir", die "mit demselben Quark beim nächsten Mal wieder" ankommen, lässt sich kein hohes Chilllevel ablesen.
Kommt ja immer auch auf die Satzmelodie an, die Du jetzt so oder auch anders intonieren kannst ;)
In einem Punkt gebe ich Dir aber durchaus Recht: Ich habe mit solchen "Diskurspartnern" schon so häufig zu tun gehabt, dass es schnell passiert, von den da angesammelten Erfahrungen auszugehen und nicht von "Null". Diese gewagte Kombination aus völliger Inkompetenz in der Sache und einer Selbstdarstellung von: "Ich habe da eine total kluge Idee" erzeugt da zumindest zwischenzeitlich auch mal eine gewisse Genervtheit.
Es liegt aber halt auch ojektiv eine gewisse Zumutung darin, mit solchen schon sprachlogisch völlig uninformierten "Vorschlägen" um die Ecke zu kommen und dann als Diskussionsteilnehmer damit ernstgenommen werden zu wollen. Und das ist durchaus typisch für die Freunde des Genderns insgesamt.
Nun, dass es eine schwierige Sache ist, Satzmelodie beim geschriebenen Wort im Sinne des Autors zu rekonstruieren, dessen bist du dir sicher bewusst. Welche Intonation muss man denn in einer Nachricht mit fünf Buchstaben ("Chill") sehen, die einen dazu bewegt, darauf einer 90-mal so langen Nachricht zu antworten?
Ob du mit "solchen 'Diskurspartnern'" schon häufiger zu tun hattest, mag ich nicht einschätzen. Allerdings drängt sich mir der Eindruck auf, dass du aufgrund eines harmlosen, wenn auch uninformierten Kommentars den Verfasser sogleich in die (vermeintlich monolithische) Outgroup "solcher" Menschen eingeordnet hast, denen es "überhaupt nicht um Argumente, sondern um irgendeine ideologische Haltung mit eingebauter Vorfahrt" geht. Zwar gibt es mittlerweile einiges an Forschung zu den motivationalen Ursachen (Stichworte wären u. a. moral grandstanding, virtue signalling, virtuous victimhood), warum manche Menschen öffentlich eine vermeintlich überlegene moralische Positionen beziehen. Doch selbst ein Psychotherapeut sollte diese nicht per Ferndiagnose einer wildfremden Person aufgrund eines einzelnen Substack-Kommentars attestieren.
Es mag sein dass es Menschen gibt, die "sprachlogisch völlig uninformiert" sind. Ihnen böse Absichten zu unterstellen hilft allerdings in den seltensten Fällen dabei, den zwanghaften Zwang des besseren Arguments walten zu lassen.
Vielen Dank für diesen etwas nerdigen Artikel.
(er hat mich - zusammen mit einer anderen Lektüre - zu diesem eher themenfremden Text inspiriert: https://substack.com/home/post/p-185158317 )
"Das Sein bestimmt das Bewusstsein." Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass man erst die Gesellschaft ändern muss, dann folgt die Sprache automatisch.
Außerdem ist die geschlechtliche Markierung im Alltag unnötig. Es ist mir egal, ob ich von einem Arzt oder einer Ärztin behandelt werde. Kompetent und gut muss er sein!
Was verleitet Sie zur Annahme, dass nicht genau dieser Prozess gerade stattfindet, sich also erst die Gesellschaft geändert hat und jetzt die Sprache nachzieht? Immerhin sind Frauen mittlerweile sogar Soldatinnen, wie viel mehr müsste sich ändern in der Gesellschaft bevor Sprachveränderungen angemessen wären?
Ganz einfach. Die Veränderungen werden von Außen aufgepflanzt (Medien, Schulen, Politik, ...). Echte Sprachentwicklung findet aber in der Gemeinschaft und relativ langsam statt.
Guter Punkt 👍
Meinen Sie mit Gesellschaft womöglich geisteswissenschaftliche Fakultäten und HR-Abteilungen?
Lieber Herr Tillmann, 2025 ist ein sehr guter, weitgehend unbeachteter Überblick über das Thema von Jan Schneider erschienen: "Das missbrauchte Geschlecht. Gendern ... geht das auch sensibel?" (Weltbuch 2025). Von der Technik kommend, hat sich Schneider (Professor an der Technischen Hochschule OWL) in einem Kapitel den wichtigsten Untersuchungen zur Gendersprache der letzten 20 Jahre gewidmet. Und wie etliche Empiriker vor ihm hat er die gravierenden Schwächen in den Arbeiten von Stahlberg et al. und Gygax et al. usw. gesehen, die als Standardstudien "pro Gendern" gelten, nämlich: die geringe Validität der meist aus dem Kontext gerissenen Sprachbeispiele sowie die mangelnde Repräsentativität der meist sehr kleinen Gruppengrößen bei den Probanden, die sich in vielen Fällen aus Studentinnen unter 30 rekrutierten. (Oder 17 Grundschul-Mädchen in der deutschen Versuchsgruppe, wie im zweiten Experiment von Vervecken & Hanover.) Wenn nun ein systematisches Review die Arbeiten der letzten 30 Jahre zusammenfasst, ohne auf diese Schwachpunkte einzugehen, dann wird auch der Überblick im Großen und Ganzen wieder am Confirmation Bias leiden, den Jan Schneider (und vor ihm andere Gender-Skeptiker) an den meistgenannten Einzelarbeiten festgemacht hat, und diesen Confirmation Bias replizieren.
Dass Gendersprache gleich gut lesbar sein soll wie konventionelles Deutsch, wurde ebenfalls mehrfach in Studien festgestellt. Als Texter und Schreibcoach machen mich diese Ergebnisse stutzig. Denn die Verständlichkeitsmodelle, die sich in der Praxis bewähren (Hamburger Verständlichkeitsmodell und Reading Ease) verweisen jeweils auf Kürze und Einfachheit als Königskriterien verständlicher Sprache. Wie sich das mit der Silbenakkumulation von Genderformen vereinbaren lässt, würde mich wirklich interessieren. Von der Verkomplizierung im Singular, wenn ich z. B. vom Arzt/der Ärztin zu schreiben habe, der/die eine/n Patenten/Patientin untersucht, ganz zu schweigen. - Das sieht ein/e Blinde/r mit der/die Filzkrücke, dass das nicht mit optimaler Verständlichkeit zusammengeht.
Ein weiterer Punkt, auf den Jan Schneider hinweist: Der Female Bias der Gendersprache ist Studien zufolge ungleich höher als der Male Bias der konventionellen Sprache je war. Im Sprachalltag zeigt sich: Wenn von Kund*innen oder Ärzt*innen oder Pat*innen die Schreibe ist, dann kommen Männer in solchen Formen de facto gar nicht mehr vor, denn es gibt keinen "Kund", "Ärzt" oder "Pat". Darf man hier noch von Fairness sprechen? Obendrein kommt es als Nebeneffekt zu einer Sexualisierung der Sprache: Firmen verweisen plötzlich auf "Unternehmenspartner*innen" und Kulturfestivals auf Firmen-"Sponsor*innen", als hätten juristische Personen auf einmal ebenfalls ein dreifaltiges biologisches oder kulturelles Geschlecht. Reichlich overtschendert, das Ganze.
Was mich als studierter Philologe an den Genderideen von Anfang an gestört hat, ist die Pathologisierung der Sprache: Sie wird von der feministischen Linguistik auf ihre vermeintlichen Benachteiligungen und patriarchalen Prägungen untersucht und grell ausgeleuchtet. Dass im Deutschen mit dem Pluralartikel "die" ein massives weibliches Frameset vorhanden ist, wurde immer übersehen. Oder dass die Mehrzahlpronomen "ihr" und "sie" bzw. das höfliche "Sie" eigentlich nur an Frauen denken lassen, wenn man sie ebenso wörtlich verstehen würde, wie das bei Personenbezeichnungen zum Usus geworden ist - auch das ist niemandem aufgefallen. Ein Idiot könnte also fordern, dass er nicht mit dem höflichen "Sie" angesprochen werden möchte und ein höfliches "Er" bevorzugt. Wie sinnlos wäre das!
Im Übrigen wurden Grundannahmen der feministischen Linguistik über die Natur und Genese des generischen Maskulinums mittlerweile sprachwissenschaftlich wiederholt widerlegt, u. a. von den grundlegenden "Studien zum genderneutralen Maskulinum" von Eckhard Meineke (2023). Und die zweite große Fehlannahme der feministischen Linguistik, dass nämlich Sprache im Sinne des Sprachhandelns direkte positive Auswirkungen auf die soziale Sphäre hätte, wäre von Anfang an nicht aufgekommen, wenn Frau Pusch et al. ein bisschen mehr Bourdieu gelesen hätten. Der hat nämlich bereits 1977 festgestellt: "Es ist nicht die Sprache, die spricht, der Diskurs, sondern die ganze soziale Person." Und 1983 hat er noch einmal konkretisiert: "Solange sie die grundlegende Grenze ihrer Wissenschaft nicht kennen, haben die Sprachwissenschafter nämlich keine andere Wahl, als verzweifelt in der Sprache zu suchen, was doch in die Sozialbeziehungen gehört.“
Apropos: Steffen Mau und seine Kollegen haben im Zuge der Studie "Triggerpunkte" (2023) unter anderem herausgefunden, dass Gendersprache zum Dilemma der "exklusiven Inklusivität" führt: „So ergibt sich das Problem, dass Sprache zwar semantisch einschließen, aber zugleich sozial ausschließen kann.“ Für Philipp Hübl ("Moralspektakel", 2024) ist Gendersprache "das neue Latein der akademischen Elite.“ Sie diene vor allem dazu, „sich die eigene Weltgewandtheit zu präsentieren.“
Politisch gesehen werden die positiven Effekte, die Gendersprache bei manchen erzielt, durch einen ungleich höheres Maß an Reaktanz erkauft, was die Parteien des linken Spektrums zu spüren bekommen, deren Wählerinnen und Wähler sich mehrheitlich nicht angesprochen fühlen, wenn von Wähler*innen etc. die Rede ist. Eine repräsentative österreichische Marktstudie (IMAS 2024) hat aufgezeigt, dass die Ablehnung der Gendersprache wächst, je mehr gegendert wird: Während 2016 46 % der Befragten die Gendersprache für eine falsche Entwicklung hielten, waren es 2024 bereits 63 %.
Alle diese Evidenz-Faktoren sollten in jeder Nutzen-Rechnung der Gendersprache ebenfalls Eingang finden. Was die Sprachhandhabe betrifft, kann ich der Position der Genderlinguistin Helga Kotthoff viel abgewinnen: Sie meint, dass wir den Blick wieder auf das große Ganze eines Textes richten sollten und in diesem Gefüge nach einer gerechten Repräsentation der Geschlechter trachten - wodurch es unnötig wird, jede Personenbezeichnung mit einem Gendersignal anzureichern. Kotthoff: „Wenn wir in literarische Werke hineinschauen, begegnen uns jede Menge solcher geschlechterübergreifend gemeinter Maskulina – und sofern sie im Plural auftauchen, wird diese Referenz erst allmählich konkretisiert. Dann entsteht vor unserem inneren Auge peu à peu ein buntes Personengemisch. Ja, allmählich!! Die kognitionspsychologischen Experimente unterstellen hingegen eine sofortige Festlegung." (Koffhoff, 2021, in der Zeitschrift "Der Sprachdienst")
"Gendern auf Teufel*in komm raus" (wie Kotthoff ihren Text nannte), ist der falsche Weg.
Zunächst: Auch von mir vielen Dank für die stets gut recherchierten und unaufgeregten Artikel, dafür dass du dich regelmäßig traust, dich zwischen alle Stühle zu setzen, und ebenso für deine wertschätzende Art mit Kommentaren (sei es hier oder z. B. auf LinkedIn) umzugehen.
Dieser Kommentar sollte eigentlich unter dem ersten Gendern-Artikel landen, doch die Substack-Karawane ist schon weitergezogen, daher poste ich ihn jetzt hier. In diesem neuen Artikel geht es dir um die relativen Kosten. Ich hänge allerdings weiterhin bei den Faktoren „Wirksamkeit“ und „Evidenzqualität“ aus deiner Formel.
Die Review von Cruz-Neri versammelt verschiedene Typen von Studien, darunter ein Großteil an Assoziationsstudien die zeigen, dass Gendern, wie du schreibst, einen „Effekt auf die mentale Sichtbarkeit von Frauen” hat. Selbiges gilt für die Brohmer-Studie von 2024.
Damit machen sie es sich in mehrfacher Hinsicht zu einfach:
Zunächst wird Sprache meist nicht so verarbeitet, dass damit automatisch Bilder oder andere mentale Repräsentationen im Kopf erzeugt werden. Wenn das so wäre, könnte man abstrakte Sätze wie „Bedeutung entsteht erst durch Interpretation” gar nicht verstehen, und wäre sich völlig uneins darüber, was mit ”Ein Hund bellt” gemeint sein könnte (Wie sieht der Hund aus? Wo befindet er sich? Bellt er jemanden/etwas an?).
Im Anschluss an diese Fehlannahme wird die Funktion des generischen Maskulinums missverstanden: In der Tat ist es nicht so, dass „Die Chirurgen“ immer neutral alle Geschlechter repräsentiert, denn „um generisch verstanden zu werden, benötigt das Maskulinum einen passenden Kontext“ (Payr 2021, 29). Wenn der gegeben ist, dann werden nicht Männer gemeint und Frauen mitgemeint, sondern es werden weder Männer noch Frauen gemeint. Die Generizität des generischen Maskulinums besteht nicht darin, Frauen neben Männern gleichberechtigt „sichtbar“ zu machen, sondern darin, niemand Konkretes zu referenzieren. Effektiv stützen sich Aussagen zu „Bildern im Kopf“, „kognitiver Sichtbarkeit“ etc. auf die Sapir-Whorf-Hypothese in ihrer starken Form. Diese gilt in der Linguistik allerdings, meines Wissens nach, als widerlegt (vgl. z. B. McWhorter: „The Language Hoax“, 2014).
Zwei Beispiele zu diesen Assoziationsstudien:
Beim „Famous Person Task“ (z. B. in Stahlberg, Sczesny und Braun, 2001) wird von vornherein nach konkreten Personen gefragt, hier muss man sich also entscheiden wie man auflöst.
Mehr noch: Aus dem Haupttext der Studie lässt sich ableiten, dass in den Fragen auch Singularformen („Romanheld“) verwendet wurden, die im aktuellen Sprachgebrauch meistens nicht generisch verstanden werden können. (Anders sieht das aus bei Sätzen wie „Ein Lehrer verdient ganz gutes Geld.“, s. https://archive.ph/5Rh48; „Ich als Rentner habe ich ja Zeit.“, meine Mutter neulich) Den gesamten Versuchsaufbau sowie die Rohdaten der Stahlberg-Studie kann ich leider nirgends finden und somit nicht einsehen, wie diese Fragen das Ergebnis beeinflussen.
Bei anderen Studien (z. B. Klimmt et. al., 2008) wurden die Teilnehmer gebeten, nach Lektüre eines Nachrichtentextes über streikende Ärzte zu schätzen, wie viele Männer und Frauen dabei waren. Eine Aussage wie „Die Ärzte der Charité streiken heute“ kann allerdings nur so lange generisch verstanden werden bis man danach fragt wie viele Männer und Frauen unter ihnen sind.
Derartige Kritiken wurden schon vielerorts von Linguisten und Philologen vorgebracht, auch schon vor 2024. Die Brohmer-Studie aus ebendiesem Jahr arbeitet zwar mit viel mehr Teilnehmern als die Assoziationsstudien vor ihr, verwendet aber weiterhin das linguistisch und grammatikalisch uninformierte Studiendesign, ohne die genannten Einwände auch nur zu benennen.
Immerhin nutzt sie im Gegensatz zum Stahlberg-Original keine Fragen im Singular. (Ob sie damit noch „Replikation“ genannt werden kann? Das nur am Rande.)
Zusammengefasst: Diese Studien zeigen, dass das Maskulinum dann nicht generisch wirkt, wenn man es in einer Situation verwendet, in der es nicht generisch wirken kann. In den so hergestellten Situationen lässt sich dann ein (mal mehr, mal weniger stark ausgeprägter) Bias feststellen, was die Nennung von Frauen gegenüber Männern angeht. Daraus ließe sich zunächst nur ableiten dass, wenn man diesen Bias verhindern will, das Maskulinum dort nicht „unmarkiert“ verwendet werden sollte, wo es um *konkrete* Personen geht. Ein Imperativ zum Gendern im allgemeinen Sprachgebrauch wird durch die Daten nicht gestützt, denn sie befassen sich mit diesem überhaupt nicht. Weiterhin stellt sich die Frage, ob man gerade gendern wollen sollte, um diesen Bias verhindern. Dazu weiter unten mehr, wenn es um die Stellenanzeigen-Studie „Debiasing job ads” geht.
Zunächst sei mir noch etwas mehr Krittelei erlaubt, denn andere Aspekte der Studiendesigns sind ebenfalls fragwürdig: In Körner et. al. (2022, erwähnt im Cruz-Neri-Review) wurde gefragt, wie logisch den Teilnehmern Folgesätze auf geschlechtsneutral gemeinte Aussagen erschienen, z. B. „Die Konzert-Zuhörer waren schon vor Ort.“, gefolgt von „Man konnte sehen, dass ein Teil der Frauen gelangweilt war.“ Hier ist also eine Teilmenge einer Teilmenge gemeint: Unter den Zuhörern sind Frauen, und unter diesen wiederum sind welche, die sich langweilen. Solche Sätze wurden langsamer verarbeitet und als weniger passend empfunden, wenn „Zuhörer“ nicht gegendert war. Allerdings würde man in einer Alltagssituation eigentlich sagen (müssen): „Man konnte sehen, das ein Teil der Frauen *unter ihnen* gelangweilt war.“
Dasselbe Muster findet sich in der EEG-Studie Glim et. al. (2024): „Die Schauspieler verließen die Duschen. Trotz ihrer Anspannung summte ein Teil der Frauen ein fröhliches Lied“; ebenso in Glim et. al. (2025): „Die Ärzte besuchten einen Kongress. Nach dem letzten Vortrag waren die meisten Frauen erschöpft“.
In diesen speziellen Fällen fiel die Disambiguierung des zuvor generischen Maskulinums schwerer. (Vgl. ein analoges Beispiel in Wegener: „Untersuchungen zur Interpretation generisches Maskulina – die Tests“, 2024). Eine Verallgemeinerung darauf, dass das generische Maskulinum im allgemeinen Sprachgebrauch schlechter zu disambiguieren ist, lassen diese Designs m. E. nicht zu.
Der Review von Cruz-Neri ist zwar von 2025, nennt aber unter den Assoziationsstudien fast nur eben solche „instabilen Kleinststudien“ die älter als 10 Jahre sind. Zumindest was diese Untermenge angeht kann also nicht von einem „massiven Qualitätssprung“ die Rede sein.
Soweit ich sehen kann, gab es als Kriterium für die Aufnahme in den Review nur dies: „they conducted empirical research examining the effects of GFL (compared to the GM) on a sample.“ Ausgeschlossen wurden damit leider Studien die nicht in der Tradition von Luise F. Pusch stehen, z. B. die von De Backer & De Cuypere (2012). In der wurden Maskulina von 93% (Niederländisch) bzw. 97% (Deutsch) der Teilnehmer auch generisch interpretiert.
Nun zur angeteaserten PNAS-Studie „Debiasing job ads by replacing masculine language increases gender diversity of applicant pools”. Deren Autoren sind anscheinend nicht Castilla & Rho, sondern Joyce & Kang (DOI 10.1073/pnas.2409854122). Eine Studie von Castilla & Rho gibt es, sie ist von 2023 und heißt ”The Gendering of Job Postings in the Online Recruitment Process” (DOI 10.1287/mnsc.2023.4674). In ihrem Abstract steht: ”Our analyses ultimately show negligible effects for both the gendering of job postings or of the job poster, and we therefore conclude that, in practice, employers’ efforts to simply tweak the language of recruitment messages do not matter much for gender equality and diversity.”
Die Studie von Joyce & Kang ist aus mehreren Gründen interessant: Sie zeigt eine realweltliche Auswirkung von Sprachgebrauch darauf, wer sich von Stellenausschreibungen angesprochen fühlt und wer nicht. Die bisher genannten Studien bewerten – so mein Verständnis – schon das bloße Vorkommen vom oben beschriebenen Bias als zu korrigierende Ungerechtigkeit. Das zeigt sich in der Benennung (im Framing, möchte man sagen) von gegenderter als „geschlechtergerechter“ Sprache und der entsprechenden Zielsetzung: „combat linguistic imbalances rooted in the common use of the GM“ (Cruz-Neri). Es ist ein nachvollziehbarer moralischer Impuls, bei den „Bildern im Kopf“ ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis herstellen zu wollen. Diese Ausgeglichenheit fühlt sich für die meisten intuitiv einfach gerechter an – da braucht es keinen Beleg mehr dazu, in welcher Weise z. B. die freie Selbstentfaltung eines jeden weiblichen Menschen eigentlich durch das GM im allgemeinen Sprachgebrauch eingeschränkt wird. Doch wie auf diesem Blog schon geschrieben: „Wer Ungerechtigkeit wirklich bekämpfen will, darf sich nicht mit dem Gefühl begnügen, etwas Gutes zu tun.” (https://nullhypothese.substack.com/p/die-woke-bewegung-braucht-keine-neue)
Die Studie von Joyce & Kang erbringt den Nachweis etwas Gutes zu tun, und zwar im konkreten Fall von Stellenausschreibungen. Man kann ziemlich straightforward argumentieren, dass einer Person ein Nachteil erwächst, wenn sich diese nur wegen der “maskulinen“ Wortwahl für eine Stelle weniger geeignet sieht. Kontext, Intervention und v. a. handfester Effekt sind also klar abgesteckt. Hingegen sind mir leider keine Studien bekannt, die einen kausalen Zusammenhang etablieren zwischen Gendern im allgemeinen Sprachgebrauch und einer messbaren Verbesserung der Lebensumstände oder Chancengleichheit von Frauen (oder nichtbinären Personen). Absence of evidence is not evidence of absence, doch trotz generischem Maskulinum und tiefliegenden Stereotypen bezüglich des Arztberufs stieg der Anteil weiblicher Medizinstudenten an Deutschen Unis von 29% in den 70ern auf mittlerweile 65%. In der vollkommen genuslosen (und übrigens auch artikellosen) finnischen Sprache ist „lakimies“ das Wort für „Jurist“ – wörtlich „Gesetz-Mann“. Dennoch lag der Anteil der weiblichen Jurastudenten in Finnland bereits 1981 bei 50% und nun (2024) bei 65%. Falls es also eine positive Wirkung des alltäglichen Genderns auf realweltlich messbare und nicht nur gefühlte Geschlechtergerechtigkeit gibt, dann kann diese nicht allzu ausgeprägt sein, denn auch in seiner Abwesenheit hat sich schon enorm viel getan.
Zudem verkompliziert die Studie von Joyce & Kang das Bild noch weiter, denn sie zeigt wie – abseits von Asterisk, Doppelpunkt und Beidnennung – schon „maskulin kodierte Begriffe” einen Einfluss auf das ”anticipated belonging” haben, und das nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern die sich selbst als weniger maskulin einschätzen. Einen Beleg für die Wirksamkeit des Genderns stellt das nicht dar. Wenn man daraus einen Imperativ ableiten will dann ist es dieser: Um den Bewerbungspool zu diversifizieren sollte man tunlichst verhindern, irgendwelche Signale zu senden, die potentiell geeignete Bewerber abschrecken könnten. Dazu gehören dann aber wohl nicht nur Geschlechtsstereotype; ebenso möchte man wohl die Chancen erhöhen, dass das Arbeiterkind und der Migrant sich in einer Stellenausschreibung wiederfinden können. Ironischerweise könnte Gendern hier sogar kontraproduktiv sein: In der Studie von Lenhart und Heckel (2025) zeigen die 8-11jährigen Mädchen eine höhere berufliche Selbstwirksamkeit, wenn typisch männliche Berufe geschlechtergerecht benannt wurden. Die Verbesserung lag bei 2,42 Punkten auf einer Skala bis 39, also nicht gerade überwältigend. Der Twist: Bei den gleichaltrigen Jungen sank zugleich die Selbstwirksamkeit durch die Beidnennung um 0,81 Punkte.
Auch hier ist mir noch nicht klar, ob die Unterschiede im Sich-Zutrauen bei Kindern in diesem Alter einen Einfluss auf ihren späteren Lebensweg haben werden. Dafür wäre wohl eine Längsschnittstudie von Nöten. Möglicherweise wären die ohnehin schon geringen Verschiebungen noch geringer, wenn unter den typisch männlichen Berufen nicht auch der der sexusmarkierte „Feuerwehrmann“ vorgekommen wäre. Bei einer Batterie von gerade einmal neun Items könnte das einen signifikanten Unterschied machen. Selbiges gilt für den Berufs des „Krankenpflegers“ unter den typisch weiblichen Berufen (denn weibliche Krankenpfleger nennt man landläufig Krankenschwester).
In der ähnlich gestalteten Studie von Vervecken & Hannover (2015) gesellt sich zum Feuerwehrmann noch der Geschäftsmann. Kurz: Auch hier sind Studiendesign und handfester Effekt fragwürdig. Wer dennoch in der gemessenen Unausgewogenheit ein Problem identifiziert zu haben glaubt, der sollte es konsequenterweise auch als Problem ansehen, wenn sich Jungen durch’s Gendern einen Beruf weniger zutrauen.
In der schon genannten EEG-Studie von Glim (2025) war der kognitive Aufwand am höchsten für die Satzkombination „Die Schauspieler*innen verließen die Duschen. Trotz ihrer Anspannung summte ein Teil der Männer ein fröhliches Lied.“ – höher noch als für die Variante mit „Schauspieler“ und „Frauen“. Die Autoren schreiben dazu: „This finding constitutes a female bias (presumably dating from the rather high perceptual similarity between the gender star form and the feminine plural form) and suggests that the gender star [...] might be unsuited to represent different genders equally well.“ Selbiges lässt sich auch vermuten, wenn man sich die Ergebnisse von Körner et. al. (2022) anschaut. Die Satzkombination „Die Konzert-Zuhörer*innen waren schon vor Ort. Man konnte sehen, dass ein Teil der Frauen gelangweilt war.“ wurde als weniger passend empfunden.
Mir scheint also: Wenn man niemanden ausschließen oder entmutigen möchte, dann scheint Gendern dazu nicht nur nicht das einzige Mittel zu sein (nach Joyce & Kang), sondern diesem Ziel manchmal sogar zuwiederzulaufen. Um dieses Argument noch breiter aufzustellen: Eine konsequent durchgegenderte Stellenanzeige sagt etwas über die Unternehmenskultur aus. Man darf vermuten, dass „anticipated belonging“ gerade bei denen am geringsten sein wird, die nicht schon von Haus aus zu den „symbolischen Kapitalisten“ (Musa al-Gharbi) gehören, nämlich Menschen aus den unteren sozialen Schichten und/oder denen aus dem ländlichen Raum (vgl. https://charts.bpb.de/jGxut/6/). Mit Paul Watzlawick könnte man sagen: "Die Lösung ist das Problem".
Was also tun? Wer im Englischen eine „actress“ war ist heute ein „actor“, im Schwedischen ist eine „lärarinna“ schon länger ein „lärare“, im Niederländischen eine „lerares“ ein „leraar“. Generizität im Sprachverständnis wird angestrebt, indem diese Worte generisch verwendet werden. Entsprechend entstanden auch „they“ (Englisch) und „hen“ (Schwedisch) als neutrale Artikel. Das Elegante daran: Wo sprachlich nicht mehr zwischen Mann und Frau unterschieden wird, kann Sprache auch keine (angenommene) Hierarchie, Sichtbarkeitsdefizite oder sonstige Unterscheidungen mehr zwischen diesen bilden. Für das generische Maskulinum galt das ohnehin schon. Unsere sprachlichen Nachbarn ziehen es jetzt selbst für konkrete Personen durch. Nur da wo Generizität explizit unerwünscht ist, wird sie auch verhindert: Ein weiblicher schwedischer Lehrer ist ein „kvinnlig lärare“, sein männlicher Kollege ein „manlig lärare“.
Der deutsche Sonderweg liegt nun darin, das genaue Gegenteil zu tun: Immer beide (oder mit Asterisk alle) zu nennen. Es wird nicht mehr meistens nicht zwischen Mann und Frau unterschieden, sondern stattdessen immer. Wo das passiert, muss Frau auch immer mitgenannt werden. Die Hierarchie wird nicht abgeschafft; stattdessen werden Frauen in jedem Sprech- und Schreibakt erneut auf die Ebene des Mannes hochgehievt. Auch das Neutralisieren durch Partizipialformen hilft dabei nicht, denn wenn Generizität nicht mehr angenommen werden kann, dann ist „der Jagende“ immer ein Mann. Zudem kollidiert das Partizip regelmäßig mit der Realität, z. B. in Sätzen wie „Die noch am Unfallort verstorbenen Fahrradfahrenden“ oder die im Iran „nach kurzem Prozess hingerichteten Protestierenden“.
Lieber Lars,
vielen Dank für diesen außergewöhnlich fundierten und tiefgehenden Kommentar. Das ist genau die Art von „Peer Review“, die ich mir für die Nullhypothese wünsche, auch und gerade, wenn sie wehtut, weil sie Finger in offene Wunden legt.
Ich möchte auf deine Punkte konkret eingehen, da sie für meine Einordnung entscheidend sind:
1. Mea Culpa zur Zitation: Du hast vollkommen recht: Ich habe hier Castilla & Rho (2023) mit Joyce & Kang (2024) vermischt bzw. falsch zugeordnet. Das ist ein handwerklicher Fehler, den ich im Artikel umgehend per Edit/Fußnote korrigieren werde. Danke für die präzise Richtigstellung, die Differenzierung zwischen „maskulin kodierten Adjektiven“ und grammatischem Genus ist hier essentiell.
2. Qualität der Evidenz (Brohmer et al.): Hier würde ich dir in Nuancen widersprechen bzw. präzisieren wollen. Meine Aussage zum „Qualitätssprung“ bezog sich primär auf die methodische Robustheit (Präregistrierung, Multi-Lab-Design, große N), die Brohmer et al. (2024) im Vergleich zu den instabilen Kleinststudien der 90er/00er Jahre auszeichnet. Dass es sich im Kern immer noch um Assoziationsstudien handelt und man trefflich darüber streiten kann, inwieweit Labor-Assoziationen („Welches Bild hast du im Kopf?“) auf natürliches Sprachverstehen im Flow („Der Hund bellt“) übertragbar sind, gestehe ich zu. Dennoch halte ich den nachgewiesenen Bias in diesen Laborsituationen für ein hinreichend starkes Indiz, dass das generische Maskulinum zumindest eine kognitive Hürde darstellen kann auch wenn es keine absolute Mauer ist. Anders gesagt: Ich sehe hier einen Qualitätssprung, aber es auch noch viel Luft nach oben.
3. Realitäts-Check und Whorf: Dein Hinweis auf Finnland und die Entwicklung der Studierendenzahlen in Deutschland ist ein starkes Argument gegen die starke Sapir-Whorf-Hypothese. Sprache ist sicher nicht der alleinige Determinant der Realität. Aber Studien wie die von Joyce & Kang zeigen eben auch, dass Sprache ein Signal für „Anticipated Belonging“ sein kann. Zumal ich auch nicht davon ausgehe, dass der Effekt von Sprache auf Verhalten besonders groß ist, ich halte ihn aber für <0.
Mein Fazit: Ich stimme dir zu: Ein wissenschaftlicher Konsens, der einen Imperativ zum Gendern rechtfertigt, existiert nicht. Die Datenlage ist komplex und teils widersprüchlich (siehe Lenhart & Heckel zu Jungen). Dennoch reicht mir die vorliegende Indizienlage (der Bias in Assoziationsstudien plus das Signal-Argument), um für diesen Blog eine freiwillige persönliche Entscheidung zu treffen. Ich wähle die Doppelnennung („Studentinnen und Studenten“) als pragmatischen Mittelweg. Sie vermeidet die von dir zu Recht kritisierten Barrieren und den „Symbolkapitalismus“ des Sternchens, adressiert aber den Assoziations-Bias besser als das reine Maskulinum.
Danke, dass du mich hier „ehrlich hältst“. Ich nehme deine Punkte zur Assoziationskritik und zur Fehleranfälligkeit als ständige Mahnung mit in meine weitere Arbeit.
Das ist eine exzellente Schärfung, danke dafür. Du hast recht: Im Labor (C1) wird eine Entscheidung erzwungen („Malen Sie einen Forscher“), während wir im Lesefluss (C2) oft gar keine konkreten Bilder abrufen. Die Übertragung ist also tatsächlich der kritische Punkt.
Ich würde dir aber an einer Stelle widersprechen: Ich glaube nicht, dass wir „neutral“ verarbeiten, nur weil wir nicht bewusst desambiguieren. Mein Gegenargument wäre die Prototypen-Theorie. Auch wenn ich bei „die Urheber der Theorie“ kein konkretes Gesicht vor mir sehe, läuft im Hintergrund ein semantisches Programm ab. Und da unser Gehirn auf Effizienz getrimmt ist, greift es auf den stärksten Prototypen zurück.
Das merke ich bei mir selbst am stärksten im akademischen Kontext (und das war für mich der „Aha-Moment“): Wenn ich in einem Paper „Müller, T.“ lese, ist meine Standard-Annahme fast automatisch „Thomas“ und nicht „Tanja“. Ich muss aktiv Energie aufwenden, um diese Annahme zu korrigieren.
Wenn ich also „die Forscher“ schreibe, mag das für den Leser im Moment des Lesens vage bleiben. Aber ich vermute stark, dass sich diese vagen Assoziationen über die Zeit zu einem Weltbild summieren, in dem Handeln (Forschen, Urheben) männlich codiert bleibt. Die Doppelnennung ist für mich der Versuch, dieses „Hintergrundrauschen“ präziser zu machen – gerade weil wir oft nicht bewusst darüber nachdenken.
Es ist also weniger Pascals Wette (Angst vor dem Fehler), sondern eher der Versuch, den Default-Modus meines eigenen Gehirns (und den meiner Leser) ein wenig zu „de-biasen“.
Beste Grüße Sebastian
Wenn man will, dass sich mehr Frauen bewerben, hilft es genauso, in die Stellenanzeige zu schreiben, dass die Stelle nicht so schwierig auszuüben ist.
Ähnlicher Effekt - aber weniger Menschen sind genervt von der Genderei ;-)
Für die "Gerechtigkeitsstudien" ist es darüber hinaus bezeichnend, dass solche alternativen Strategien nie vergleichend herangezogen/getestet werden. Offensichtlich will man nicht herausfinden, wie man am meisten Frauenbewerbungen bekommt, sondern mal sucht halt nach einem präsentablen Grund für einen unbeliebten Soziolekt.
Hey. meiner Meinung nach erfasst du noch immer nicht ausreichend die systemische Perspektive. Mir leuchtet bspw. gar nicht ein, warum "non-binäre Identitäten" sich von einem * angesprochen fühlen sollten, das man zudem im Gesprochenen ja nicht ausspricht. (Es gibt ggf. diesen seltsamen glottal stop, aber das würde heißen: mit einem Nullpunkt und Anhalten des Sprachflusses, einer Leere eigentlich, repräsentieren wir die Non-Binären? Finde ich skurril.
Meiner Ansicht nach spricht das Vorhandensein dieser Non-Binären eher dafür, dass das generische Maskulinum deutliche Vorteile hat und dass man die damit verbundenen negativen Effekte (es wird eher an Männer gedacht, will ich nicht leugnen), besser über andere Mechanismen kompensieren könnte. (Es gibt diese Überbetonung dessen, das Sprache Realität schafft, aber nicht anders herum, dabei gilt natürlich beides, aber andersherum ist viel evidenter.)
Wenn du verstanden hast, was du andeutest, dass eine Mehrheit der Bevölkerung das Gendern ablehnt, und wenn du zudem verstanden hast, was du andeutest, dass es als Bevormundung empfunden wird, ein von oben Aufoktroyieren, inwiefern kommt es in deiner mathematischen Berechnung vor (btw ebenfalls linkshemispherisch, so etwas mathematisch berechnen zu wollen, ich erinnere an den Utilitarismus bei Bentham), dass du dich durch Gender-gerechte Sprache ob du willst oder nicht zu einem Mitläufer der politischen Kontrolle von oben machst? ;) Nur so als Gedankenspiel. Was kommt nach dem Gendern? Wie gewichtest du das hohe gut einer offenen Gesellschaft, dass die Menschen sprechen dürfen sollten, wie sie wollen. (Ich weiß, du sagst, dass du jeden sprechen lassen willst, wie er will, aber damit bist du in der Gender-Community offensichtlich in der Minderheit -- du schließt dich systemisch betrachtet also durch dein Verhalten einer Minderheit an, die eine Mehrheit beherrschen und unterdrücken will. Ist es das wert?)
(Ich nehme an, du siehst sofort, dass das kein persönlicher Vorwurf sein soll, sondern eine Art Gedankenexperiment.)
Alles gut, ich finde natürlich andere Perspektiven immer erfrischend! Gerade wenn sie nicht meinem Denksschema entsprechen ;).
Aber vorweg: Ich bin auf jeden Fall gegen Zwänge in dieser Hinsicht und Personen sollten auf keinen Fall dafür sanktioniert werden, wie sie sprechen. Für mich war die Evidenz ausreichend zu sagen "Ja, mach ich mal mit", aber wie im Post beschrieben habe ich da gewisse Dinge unterschätzt (ggf. auch weil das in meiner Bubble kaum ein Problem mit der Reaktanz war). Und natürlich ist auch unklar: Ist das überhaupt der beste Weg damit umzugehen. Von meiner Seite aus war das generell eher ein "Ich erkläre mal, wieso ich das mache und das es bei mir nicht reine Ideologie ist", auch wenn natürlich (wie andere auch angemerkt haben) hier schon ein gewisses Weltbild zu Grunde liegt, das ich natürlich auch nicht ablehnen kann.
Schon das Gerede von "Angesprochen fühlen" ist doch Teil von Ideologie und Verblödung. In 98% der Fälle wird überhaupt niemand "angesprochen", sondern es wird auf Dritte verwiesen.
Ich verstehe den zweiten Satz nicht ganz. Erläutere gerne.
Lieber Sebastian!
Deine Bewegung in allen Ehren! So viel Mühe macht sich wohl kaum wer mit dem Thema.
Wir können **** oder … Innen soviel wir wollen oder gesetzlich festgelegt werden könnte:
Solange unser (männliches) Herz den Frauen nicht aufrichtig hingeben ist, bleibt jede Sprachform nur Makulatur.
Im Gegenteil:
Wir heucheln sprachlich Inklusion, aber unser Herz bleibt kalt 🩶
Besser „Liebe Kollegen“ in einer Firma, die alle im Team tätig wertschätzt, als
„Liebe Kolleg*innen“ und Nicole hat sich am gläsernen Plafond wieder eine blutige Nase geholt.
Screenreader sind Software. Die kann man auch so programmieren, dass sie brauchbaren Output liefern. Also z.B. mit einer Regel „Den Genderstern *in oder *innen als Glottisschlag, also 'in oder 'innen lesen“. Auch Web-Browser sind Software, selbst dort könnte man per Plugin gegenderte Texte in die vom Benutzer gewünschte Form bringen. So ein Plugin für die 70%, die das Gendern ablehnen, gibt es mit „Binnen-I be gone“ sogar. Aber Chrome-Plugins installieren, das ist was für die Nerds. Die Zielgruppe dieses Plugins liest das Web wahrscheinlich mit IE 6 auf Windows XP. JavaScript auf der eigenen Seite könnte das auch, müsste man aber selbst programmieren, oder das Framework (hier: Substack) anbieten.
Wir haben heute viel mehr Möglichkeiten, barrierefrei zu schreiben. Früher gab es Zeitungen auf Papier, und schon die Schriftgröße war festgelegt. Die eine Zeitung hatte große Blätter mit kleinem Font, und schrieb in langen Artikeln mit komplexen Sätzen und großem Wortschatz für die Gebildeten, die andere hatte kleine Blätter, große Buchstaben und schrieb in kurzen Artikeln in einfacher Sprache für die Leute mit wenig Bildung. Leider hat man vergessen, dass das die Mehrheit ist, und dass die dann die rechte Hetze dieses Blatts übernehmen, dass man als intellektueller Liberaler (im ursprünglichen Wortsinne) nicht nur für die In-Group schreiben darf, weil die Mehrheit entscheidet.
Heute kann der Leser am Bildschirm schon mal die Größe selbst einstellen. Er kann eine KI fragen, „bitte fasse mir diesen Artikeln in einfacher Sprache zusammen“, und das sind so die Aufgaben, die die LLMs sogar noch ganz passabel hinbringen.
Wenn man seine Zielgruppe gut kennt, und keinen Bedarf an einer größeren Reichweite sieht, kann man auch einfach direkt für genau die Zielgruppe schreiben. Aber wenn ich 70% der Leser¹ verliere, weil ich einen Soziolekt verwende, mit dem sie sich nicht identifizieren, dann muss ich mir was überlegen. Klar, als erstes natürlich: erreiche ich die mit meinen Themen überhaupt, oder lesen die nur den Sportteil?
Also: Analyse der Zielgruppe (gewünscht und tatsächlich), kann ich Barrierefreiheit auf der Leser- statt auf der Schreiberseite erreichen (mit technischen Mitteln). Brauche ich für verschiedene Zielgruppen u.U. verschiedene Texte, mal das Wesentliche kurz und verständlich in leichter Sprache, mal alle Hintergründe mit vielen Details? Packe ich die Details in Fußnoten, damit der Haupttext flüssig lesbar bleibt? Was macht dann der Screenreader?
Die Welt ist nicht-binär. Es gibt auch nicht nur die eine Achse Geschlecht. Und wie mache ich auf die Gruppe der Eulen aufmerksam, die von den Lerchen zum frühen Aufstehen genötigt werden? Ganz anderes Thema, aber auch eine große Gruppe der Bevölkerung, deren Bedürfnisse systematisch ignoriert werden.
¹) Bei dieser Gruppe reicht das Maskulinum. Wirklich.
Die Unterteilung in Zielgruppen führt zur Partikularisierung. Führt dazu, dass wir weder eine gemeinsame Grammatik noch Realität teilen.
Nebenbei, ich bin einer dieser Nerds und rege mich darüber auf, dass solche Plugins notwendig sind.
Danke für die ausführliche Aufbereitung und die Quellen. Ich verstehe allerdings die Funktion der Umfrage nicht. M. e. erzeugt sie keine für die Formel relevanten Datenpunkte.
Sie fragt eine persönliche Präferenz ab, klärt aber nicht, für welchen Teil der Lesendenschaft die Lesbarkeit tatsächlich erschwert wird.
Da geht es auch nicht um die Lesbarkeit, sondern tatsächlich um die Präferenz des Publikums. Dabei gehe ich davon aus, dass die Präferenz quasi das Endresultat der Lesenden zu verschiedenen Überlegungen ist: politische Präferenz, Lesbarkeit, andere Überlegungen und nehme das als Gesamtdatenpunkt für meine Überlegungen.
Gendern ist Deppensprache.
Es ist die Unfähigkeit, Sprache zu verstehen, mit all ihren Ungenauigkeiten und Mehrdeutigkeiten.
Sprache ist eben keine Mathematik und daher haben Symbole mitten in Wörtern nichts zu suchen.
Die Umfrage ist beendet. Was ist dein Fazit? :)
Ich selbst habe keine glasklare Linie. Ich mache irgendwie mal so mal so... Aber ich halte Option 3 (Jagende) für die Version, die best of both worlds ist, wenn ich mir deine Vor- und Nachteile-Liste so anschaue. Passt meiner Erfahrung nach nur nicht immer. Bei den Jagenden, zum Beispiel: Die sind ja nicht immer beim Jagen, also auch nicht immer Jagende. Eine sprachliche Ungenauigkeit. Die meisten Menschen dürfte das nicht stören.
S.B.
Und wo kann man dafür stimmen, sich einfach an geltenden Schreibregeln zu orientieren - die objektiv per definitionem auch nonbinäre Personen bezeichnen, ohne große Mehrheiten zu verärgern, ohne Sprachnovizen und Legastheniker zu belasten und ohne jeden Satz über grammatisches Entgleisen zu einem politischen statement zu formen... ;-) ?
Zudem ist es auch ein wenig unverständlich, hier in dieser Weise milieuspezifische Entscheidungen treffen zu wollen, und dies unironisch unter dem Label von "Inklusion". Und dann noch angesichts des offensichtlich akademischen Publikums anzunehmen, die könnten vielleicht zu kritisch gegenüber diesem Soziolekt sein, der ebendort überhaupt erst entwickelt wurde und auch im weiteren Sinn nur dort vorkommt.
;). Dafür kann man nicht stimmen, weil ich immer noch der Meinung bin, das gegenderte Sprache einen Effekt hat, den ich gerne mitnehmen möchte. Ich stelle es also nicht generell sondern lediglich in der Ausführung zur Debatte. Und das findet nicht unter dem Label der Inklusion statt, sondern mir wurde eine Reihe von Faktoren aufgezeigt, die hier berücksichtigt werden sollten (eins davon ist Inklusion) und deren Berücksichtigung ich hier auch für sinnvoll halte.
Klug geantwortet. Chapeau!
Danke, das ist eine spannende Diskussion, ich hab leider nur gar nicht genug Zeit auf alles zu antworten.
Das versteh' ich sehr gut! Breite und hohe Fairness der Diskussion halte ich für dein Verdienst. Letztlich ufert es auch aus; spätestens dann, wenn man sprachliche Phänomene wie "Damen und Herren" –> dämlich / herrlich mit einbeziehen wollte. Darum finde ich die Beschränkung auf "gendern, und wenn ja: wie?" sinnvoll.
Danke für deine wertvolle Arbeit!
Gegenderte Sprache hat sogar *viele* Effekte. Die meisten davon nur halt ziemlich destruktiv ;-)
Zudem ist das Genus per definitionem und auch aus Sicht einer großem Mehrheit fast aller Gesellschaftsgruppen "inklusiv". Die ganze Diskussion ist daher ziemlich ausgedacht - so wie die Umfrage eben ideologisch voraufgeladen.
Ich find die neutrale Form am Inklusivsten, aber sie macht Texte auch irgendwie sehr unpersönlich und passt nicht immer in den Satzbau.
Funfact: Genus *ist* eine neutrale Form.
Meine Präferenz wäre die "Neutralisierung", wo passend. Alternativ "würfeln" 1/4-männlich, 2/5-weiblich, 3-neutral, 6-Genderstern
Mich würde ein weiterer genderspezifischer Punkt interessieren: Abstufungen zwischen Geschlechtern. So redet mensch von "Mann und Frau" sowie "Damen und Herren". Nun sind "Frauen" ursprünglich den adligen "Herren" gleichgestellt (waren diesen eventuell "unterstellt"), nicht aber den "gewöhnlichen" Männern (oder gar den zu diesen gehörenden "Weibern"). "Damen", also Königinnen, vgl. Schachspiel, stehen selbstverständlich über den Herren und werden daher auch zuerst genannt. Wie sollte dieser Ausdruck von Ungleichheit behandelt werden? Immerhin betrifft er größere Bevölkerungsgruppen mit realen Nachteilen hinsichtlich Lebenserwartung, Obdachlosigkeit, Suiziden, Gewalterfahrungen, ...
Funfact: Genus *ist* schon neutral.