Die woke Bewegung braucht keine neue Sprache - sie braucht bessere Daten
Eine Replik auf den SZ-Kommentar von Sara Maria Behbehani
Die Süddeutsche Zeitung hat kürzlich einen Kommentar veröffentlicht, der für einige Unruhe und vermutlich viele energische Kommentare sorgen dürfte: “Die woke Bewegung ist gescheitert. Daran ist sie auch selbst schuld”. Die Autorin Sara Maria Behbehani argumentiert, dass aus Achtsamkeit Empfindlichkeit und aus Bewusstsein Moralismus geworden sei. Das Ergebnis sei ein “Backlash”, bei dem die Rechte gewinnt, weil die Linke die “Mitte der Gesellschaft verloren” habe.
Dieser Text ist wichtig, weil er einen wunden Punkt trifft. Er beschreibt das Gefühl vieler Menschen, dass gut gemeinte Anliegen oft in einer “belehrenden Art” vorgetragen werden, die eher abschreckt als überzeugt. Ob ich jedoch der Analyse in ihrer Form so zustimmen möchte, kann ich nicht sagen. Denn letztendlich hat die “Woke”-Bewegung auch viele Dinge erreicht, je nachdem, wie man sie definiert und welchen zeitlichen Rahmen man festlegt.
Erfolge und Ambivalenzen
Denn die Bilanz progressiver Bewegungen ist keineswegs eindeutig negativ. Die Frauenbewegung hat fundamentale Rechte erkämpft, von Wahlrecht über Abtreibungsrecht bis zu rechtlicher Gleichstellung. Die Schwulenrechtsbewegung hat in wenigen Jahrzehnten erreicht, was undenkbar schien: von Strafverfolgung zur Ehe für alle. Die #MeToo-Bewegung hat sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch zu einem öffentlichen Thema gemacht, das nicht mehr ignoriert werden kann.
Doch gerade diese Erfolge schaffen ein paradoxes Problem. Der Autor Freddie deBoer hat wiederholt darauf hingewiesen: Wenn die großen materialistischen und legalen Ziele erreicht sind - Wahlrecht, Ehe für alle, Antidiskriminierungsgesetze - was kommt dann? Organisationen und Bewegungen, die ihre Existenzberechtigung nicht verlieren wollen, suchen sich neue Ziele. Der Fokus verschiebt sich von konkreten rechtlichen Forderungen zu diffuseren kulturellen und psychologischen Themen. Aus “gleiche Rechte vor dem Gesetz” wird “Mikroaggressionen vermeiden”. Aus “keine Diskriminierung am Arbeitsplatz” wird “implizite Bias-Trainings für alle”.
Diese Ausweitung des Fokus, dieser “mission creep”, führt in Bereiche, die schwerer messbar, schwerer zu definieren und oft auch empirisch fragwürdiger sind. Und genau hier, so meine These, liegt ein zentrales Problem.
Die Frage nach “Scheitern” oder “Erfolg” der woken Bewegung lässt sich also nicht pauschal beantworten - sie hängt davon ab, welchen Zeitrahmen man wählt, welche Ziele man anlegt und was man überhaupt als Teil dieser Bewegung definiert.
Deshalb möchte ich einen konkreteren Weg gehen: Statt über das große Ganze zu urteilen, schaue ich mir spezifische Programme und Interventionen an, die in diesem Prozess des “mission creep” entstanden sind. Das sind Programme, die nicht mehr auf rechtliche Gleichstellung zielen, sondern auf kulturelle und psychologische Transformation. Denn hier können wir eine empirisch überprüfbare Frage stellen: Wirken diese Maßnahmen?
Das Steak-Argument: Warum Wirksamkeit der Schlüssel ist
Behbehani liefert ungewollt ein hervorragendes Beispiel dafür, wie der Weg zurück zur Mehrheitsfähigkeit aussehen könnte. Sie schreibt:
“Statt den Mann verächtlich zu machen, dem sein Steak schmeckt, sollten sie die Bedingungen bekämpfen, unter denen Nutztiere leiden.”
Dieser Satz ist der Schlüssel. Er unterscheidet zwischen moralischer Verurteilung (die Abwehr erzeugt) und struktureller Verbesserung (die Leiden mindert). Ein besseres Tierschutzgesetz wirkt, egal wie die Leute darüber denken. Es liefert Ergebnisse.
Wenn wir progressiven Wandel nachhaltig gestalten wollen, müssen wir genau diesen Maßstab anlegen: Wirken unsere Maßnahmen?
Gerade in meinem spezifischen Bereich, der Hochschullandschaft, wurden in den letzten Jahren viele Strukturen geschaffen – im besten Glauben, Diskriminierung zu beenden. Aber wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass wir die Wirksamkeit dieser “Tools” oft ungeprüft vorausgesetzt haben.
Vier Beispiele, warum wir empirische Rationalität brauchen
Wer Ungerechtigkeit wirklich bekämpfen will, darf sich nicht mit dem Gefühl begnügen, etwas Gutes zu tun. Er muss prüfen, ob es funktioniert. Ein Blick auf die Datenlage zeigt, warum Skepsis und Korrektur notwendig sind:
1. Mikroaggressions-Trainings
Der Wunsch ist edel: Alltägliche Verletzungen sichtbar machen. Doch die methodische Basis ist schwach. Wie ich in meiner Analyse gezeigt habe, sind die Definitionen oft so vage, dass sie wissenschaftlich kaum haltbar sind. Schlimmer noch: Studien deuten darauf hin, dass eine ständige Fokussierung auf diese Signale die Betroffenen nicht stärker, sondern verletzlicher machen kann.
2. Trigger Warnings
Sie sollen schützen. Doch die psychologische Forschung zeigt mittlerweile eindeutig: Sie tun es nicht. Trigger Warnings reduzieren weder Angst noch Stressreaktionen (siehe dazu meine Zusammenfassung). Sie fördern stattdessen Vermeidungsverhalten. Wer Studierenden helfen will, sollte sich an klinischer Evidenz orientieren, nicht an gut gemeinter Intuition.
3. Bias Trainings
Millionen fließen in Schulungen gegen unbewusste Vorurteile. Das Ziel: Fairness. Die Realität: Ernüchterung. Meta-Analysen zeigen kaum dauerhafte Verhaltensänderungen (Datenanalyse hier). Oft erzeugen diese Pflichtveranstaltungen sogar Trotzreaktionen. Es ist tragisch, Ressourcen für Maßnahmen zu verschwenden, die das eigentliche Ziel verfehlen.
4. Der “Business Case” für Diversity
Auch in der Unternehmenswelt tun wir der Sache keinen Gefallen, wenn wir auf wacklige Argumente setzen. Jahrelang wurde behauptet: “Diverse Teams sind automatisch profitabler.” Dieser “Business Case” wird oft pauschalisiert. Die seriöse Forschung zeigt ein viel differenzierteres Bild: Diversität kann nützen, führt aber ohne extrem gutes Management oft auch zu Konflikten und Prozessverlusten (meine Zusammenfassung hier).
Das ist nur ein Auszug der Maßnahmen, die in diesem Bereich angewendet wurden und werden und die sich in erster Linie auf die Psychologie der Menschen ausrichten, nicht auf deren materielle Verhältnisse.
Der Realitätscheck: Wenn akademische Definitionen auf das echte Leben prallen
Ein persönliches Erlebnis verdeutlicht dieses Dilemma. Ich erinnere mich an intensive Diskussionen mit Kolleginnen auf einer Fachtagung, in denen ich versuchte zu erklären, warum bestimmte akademische Konzepte außerhalb des Seminarsaals schlicht nicht funktionieren.
Es ging um die Neudefinition von Rassismus als reinem “Machtkonstrukt”. Nach dieser Lesart können weiße Menschen in Deutschland per Definition keinen Rassismus erfahren, da sie zur dominierenden Gruppe gehören. Es ist ein nützliches Werkzeug für die Analyse von Strukturen, aber ein kommunikatives Desaster für die Gewinnung von Mehrheiten. Aber als ich darauf hinwies, dass diese Definition in der breiten Bevölkerung niemals eine Mehrheit finden würde, stieß ich auf Unverständnis.
Dabei ist der Punkt simpel: Wenn man einer Gesellschaft erklärt, dass eine Herabwürdigung aufgrund der Hautfarbe kein Rassismus ist, solange sie die “Falschen” trifft, verletzt man das intuitive Gerechtigkeitsempfinden der meisten Menschen. Eine Bewegung, die Begriffe so umdefiniert, dass sie dem gesunden Menschenverstand widersprechen, darf sich nicht wundern, wenn sie die demokratische Mehrheit verliert.
Warum der “gesunde Menschenverstand” oft wissenschaftlicher ist als die Wissenschaft
Es gibt in der akademischen Blase oft eine gewisse Arroganz gegenüber der vermeintlich “ungebildeten Meinung” der Allgemeinheit. Doch ironischerweise deckt sich das Bauchgefühl von Laien oft besser mit der harten Realität als die Einschätzung von Experten.
Eine vielbeachtete Studie von Hoogeveen et al. (2020) zeigte: Laien können erstaunlich gut vorhersagen, welche psychologischen Studien sich replizieren lassen und welche nicht – oft genauso gut wie Fachwissenschaftler. Während Experten sich manchmal von schicker Theorie und komplexer Statistik blenden lassen, nutzen Laien eine einfache Heuristik: Plausibilität.
George Orwell soll einmal gesagt haben: “Es gibt Ideen, die so absurd sind, dass nur ein Intellektueller sie glauben kann.”
Genau das sehen wir bei vielen progressiven Thesen. Wenn Menschen intuitiv ablehnen, dass “Worte Gewalt sind” oder dass “Absichten keine Rolle spielen”, dann ist das oft kein Zeichen mangelnder Bildung oder moralischer Rückständigkeit. Es ist ein funktionierender Detektor für Thesen, die zwar akademisch modisch, aber empirisch leer sind. Der “Backlash”, den die SZ beschreibt, ist vielleicht nicht nur ein politischer Rechtsruck, sondern eine kollektive Korrektur durch den Realitätssinn der Mehrheit.
Ich kenne diese Dynamik aus eigener Erfahrung. Als Diversity-Referent an einer Universität habe ich selbst Maßnahmen konzipiert, mit besten Absichten und der Überzeugung, Evidenz auf meiner Seite zu haben. Doch je mehr ich mich mit der methodischen Qualität der zugrundeliegenden Forschung auseinandersetzte, desto unbehaglicher wurde mir. Das einzugestehen ist unangenehm. Aber es ist notwendig, denn das ist kein Verrat an progressiven Werten, sondern ihre Einlösung.
Wer Ergebnisse liefert, bekommt Zulauf
Behbehani fordert zu Recht, man müsse “auch Menschen der Mitte überzeugen”. Das gelingt am besten durch Erfolge, nicht durch Appelle.
Der Grund, warum Teile der “Wokeness” als Ideologie wahrgenommen werden, ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Wenn wir an Maßnahmen festhalten, die nachweislich nicht wirken (oder sogar schaden), nur weil sie gut klingen, verlieren wir zu Recht an Glaubwürdigkeit.
Der Weg nach vorn führt über eine Rückkehr zur Empirie.
Das ist keine Absage an progressive Werte. Im Gegenteil: Diskriminierung zu bekämpfen ist zu wichtig, um es mit Methoden zu versuchen, die nicht funktionieren.
Wer evidenzbasierte Politik macht, muss niemanden belehren. Er muss niemanden “moralisch aburteilen”. Er kann einfach auf das zeigen, was die meisten Menschen überzeugt: Ergebnisse, die das Zusammenleben real verbessern. Das wäre der Weg zurück zur Mitte - nicht durch neue Rhetorik, sondern durch nachweisbare Wirksamkeit.


Sehr toller Artikel, allerdings befürchte ich das Evidenz nicht reicht, sonst hätten wir wohl nicht so viel Probleme in der Klimapolitik.
Guter Text. Freue mich über weitere Texte.