39 Kommentare
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Avatar von Raphael della Schiava

Danke für den aufschlussreichen Artikel! Was ich mich schon länger frage: Könnte es sein, dass der Effekt (dass großteils an Männer gedacht wird beim generischen Maskulinum) noch größer wird im Laufe der Zeit? Weil wenn immer mehr Personen gendern, kann man ja davon ausgehen, dass auch wirklich nur Männer gemeint sind wenn das gen. Mask. verwendet wird. (Sonst wäre ja gegendert worden)

Avatar von Sebastian Tillmann

Eine sehr spannende Frage und tatsächlich habe ich mich selbst schon ein paarmal dabei ertappt, in bestimmten Kontexten zu denken "Aha, nicht gegendert, d.h. die Person meint ganz explizit nur Männer" auch wenn das nicht korrekt war. Halte ich also für möglich, allerdings sind mir da keine Studien bekannt, die sich das genauer anschauen.

Avatar von Markus Baum

Dankeschön für den guten Überblick über die Studien- und Datenlage. Ich bin kein Linguist, aber Sprachprofi - Medienschaffender, Autor, Übersetzer, Lehrender in Sachen hörgerechte Kommunikation. Was Letzteres betrifft, hilft mir der Genderstern und das Binnen-I kein Stück. Beruflich pflege und vermittle ich "aufmerksame Sprache": Generisches Maskulinum vermeiden, beide Geschlechter ansprechen, Ladies First (weil das spätestens seit Napoleon ein Gebot der Höflichkeit ist, und die ist m.W. nicht grundsätzlich abgeschafft). Frauen stelle ich es frei, welche Reihenfolge sie wählen.

Bei aller grundsätzlichen Zustimmung zu Ihrer Haltung: Gendersprache wie aufmerksame Sprache hat unverrückbare Grenzen. Die hängen u. A. mit den Umständen des Spracherwerbs zusammen. Zu meinem großen Vergnügen sperrt sich z. B. der. Begriff "Muttersprache" hartnäckig gegen alle Genderversuche. Angebotene Alternativen sind durchweg nicht sachgerecht. Und seit Ludwig Wittgenstein ist bekannt, dass Menschen ihren Wortschatz im Rahmen von Sprachspielen erweitern. Das Spielerische ist der erbittert-schalkhafte Feind verordneter Sprachregelungen. Müsste ich den Schalk und den Feind eigentlich auch gendern? Obwohl sich beide auf das sächlich-neutrale Spielerische beziehen? - Ganz im Ernst: Sprachkonventionen sind genau dieses. Vereinbarungssache. Solange sich niemand herausnimmt, andere zu bevormunden, und solange frei ausgehandelt wird, was gilt, ist alles gut.

Avatar von Petra Träm

"aufmerksame Sprache", das gefällt mir sehr!

Avatar von Sebastian Tillmann

Vielen Dank für diese Perspektive aus der „Maschinenraum“ der Sprache. Der Begriff der „aufmerksamen Sprache“ gefällt mir ausgezeichnet, denn er nimmt die ideologische Aufladung aus dem Thema und legt den Fokus darauf, worum es eigentlich geht: Präzision und Höflichkeit gegenüber dem Publikum.

Ihren Punkt zu Wittgenstein finde ich besonders spannend: Sprache als „Spiel“ lebt von Dynamik, nicht von starren Regeln. Man könnte argumentieren, dass das bewusste Anpassen von Begriffen (um kognitive Verzerrungen zu vermeiden) ein neuer „Spielzug“ in diesem Sprachspiel ist – einer, der sich bewähren muss oder eben wieder verschwindet.

Dass der Genderstern gerade in der „hörgerechten Kommunikation“ (Glottisschlag) oft stolpert, ist ein valider Punkt. Genau deshalb lande ich in meiner Re-Evaluierung ja auch eher bei der Doppelnennung („Studentinnen und Studenten“). Die ist zwar länger, aber – wie Sie schreiben – höflich, grammatisch sauber und im Fluss der Sprache (oder des Spiels) deutlich organischer.

Und beim Punkt der Freiwilligkeit sind wir uns zu 100 % einig: Daten sollten überzeugen, nicht Vorschriften zwingen.

Avatar von Julian

Spannender Text. Allerdings würde ich noch einige Punkte die mich persönlich nicht von * in Fließtexten überzeugen und wieso man die Studienlage auch anders bewerten kann.

1. Zur Lesbarkeit: die Studie von Pabst und Kollmayer hat ein sehr kleine Gruppe an Studienteilnehmern, viel mehr Frauen und die Texte waren auch sehr kurz, zudem wurden die Teilnehmer nicht über den Inhalt befragt. Ich halte die These, dass * Texte für 80-90% der Leute kein Problem sind für plausibel. Für 10-15% aller Leute mit z.b. Lese-Rechtschreibschwäche oder Ausländer ist diese deutsche Spracheigenheit eine zusätzliche Barriere. Bei Texten mit ihm/ihr wird es noch komplizierter.

2. Vergleich mit anderen Sprachen wäre interessant, in anderen Ländern gibt es andere Sprachregeln und die Emanzipation von Frauen funktioniert besser als im Deutschsprachigen Raum.

3. Reseracher Bias: Personen die zu Gendersprache forschen sind wahrscheinlich überwältigend davon überzeugt das es effektiv ist. Dies wollen diese Leute (bewusst oder unbewusst) auch mit ihrer Forschung zeigen und sie haben auch ein Konkretes Interesse daran weiter Forschungsfelder zu bekommen. Dementsprechend würde ich davon ausgehen, dass Experimente speziell so gemacht werden um die Hypothesen die passen zu bestätigen (was natürlich generell ein Sozialwissenschaftliches Probleme ist)

4. Grammatikalisch macht das ganze nur bedingt Sinn.

Ich bleibe deshalb bei der Doppelnennung in den Fällen wo es mir wichtig erscheint beide Geschlechter hervorzuheben.

Avatar von Sebastian Tillmann

Das sind gute Punkte, die ich auch nachvollziehen kann. Was die Studien angeht, es stimmt sowohl, dass wir noch lange nicht an dem Punkt sind, wo man die Diskussion beenden kann. Falls neue Studien rauskommen, die hier größere Probleme aufzeigen, bin ich auch gerne bereit meine jetzige Position anzupassen. Und natürlich ist Researcher Bias ein ernsthaftes Problem, von daher ist nicht auszuschließen, dass auch hier ein Bias vorliegt. Aber so lange ich hier keine konkreten Anhaltspunkte für Bias habe, nehme ich die bestehenden Daten natürlich erstmal ernst bis neue Ergebnisse vorliegen.

Und das ist natürlich meine persönliche Evaluation der Evidenzlage, ich kann schon nachvollziehen, dass man da nicht überzeugt ist. Die Doppelnennung ist hier auch eine sehr gute Lösung.

Avatar von Gerald Ullrich

Was “die Lesbarkeit“ anbetrifft, scheint die ja gar nicht untersucht worden zu sein, sondern die Verständlichkeit, was ja nicht dasselbe ist. Ich finde in meinen Fachzeitschriften (Psychotherapie) immer wieder Texte bzw. Sätze, die durch Genderismus entstellt sind. Verstehen tue ich sie immer, aber lesbar ist für mich etwas anderes!

Avatar von matrix169

Hab mir wohl was falsches unter "Gendern" vorgestellt. Ich persönlich "gendere" nicht, weder umgangssprachlich noch in Schriftform, sondern ziehe, wenn es gar nicht anders geht, die "Paarform" vor und erwarte in anderen Fällen praktisch, dass mich mein Gegenüber als tolerante, die Gleichberechtigung vertretende Person erkennt. Vielleicht bin ich einfach altmodisch. Nichts desto trotz kann ich die Argumentation pro-Gendern gut nachvollziehen und auch die positiven Kommentare, bin aber wohl irgendwie von der falschen Seite her reingerutscht. Ich habe mich ziemlich ausführlich mit der Geschichte des Transgenderismus (?) also LBGTQ-dingsbums befasst und habe das "Gendern" vorwiegend in diesem Zusammenhang verstanden. Jeder soll sich fühlen wie er oder sie oder was weiß ich will, doch wird das offizielle Gendern nach meinen Recherchen und Eindruck allzu sehr als Druckmittel eingesetzt, um die 64 oder so Geschlechter über die Sprache in der Gesellschaft und den Köpfen der Menschen zu verankern. Das allerdings macht die Sache mit dem Gendern, jedenfalls für mich, etwas komplizierter.

Avatar von Lazarus d.J.

Empirie hin oder her, wenn man die Ziele oder Effekte nicht für gut empfindet, bieten die Untersuchungen nur weiteres Material sich gegen diese Sprache zu wenden. Und ob die Ziele und Effekte wünschenswert sind wird nicht durch Empirie geklärt.

Avatar von Sebastian Tillmann

Absolut korrekt, bei moralischen und gesellschaftlichen Fragen kann die Evidenz uns ganz oft nicht sagen, was wir tun sollen. Aber sie kann uns darüber informieren, ob die Maßnahmen, die wir verwenden, auch mit den Zielen, die wir haben, zusammenpassen.

Avatar von Conrad Knittel

So, ich muss das jetzt natürlich auch lesen und kommentieren. Ich hoffe, Du nimmst es mir nicht übel, wenn ich versuche, den Finger in die Wunde zu legen. Mir ist an diesem Artikel wie auch schon am letzten aufgefallen, dass du die Situation scheinbar korrekt analysierst, dann aber unlogische Schlüsse daraus ziehst. Das scheint mir typisch linkshemispherisch gedacht (im Sinne Iain McGilchrists, weiß nicht, ob Du den rezipiert hast, lohnt sich).

Warum sind denn die Backlash-Effekte des Genderns nicht wissenschaftlich erforscht? Wäre doch hochgradig relevant? Das erinnert mich an viele Gedankenspiele wie: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass FFP2-Masken in klinischen Kontexten gegen Ansteckung schützen. Leuchtet mir ein. Hat wenig Evidenz dafür, ob es sinnvoll ist, dass Schüler sie einen ganzen Schultag lang tragen müssen. Was mich daran stört ist der Unwille, Einzelergebnisse wirklich im Rahmen der gesamten sozialen wie physikalischen Realität zu betrachten.

Mir scheint, dass bei deinen robusten Forschungsergebnissen nicht besonders tief gebohrt wurde, um auszuschließen, dass die Experimente halt das liefern, was die Forscher gerne herausfinden wollten, weil es für sie unpraktisch wäre, das Gegenteil herauszufinden. Da du dich ja intensiv mit der Replikationskrise und den anderen Fallstricken des Wissenschaftsbetriebs auseinandergesetzt hast, was ich sehr schätze, verstehe ich nicht ganz, wie du zum Schluss kommst, diese Studie von 2024 wäre ein "robuster Beweis" für die Sinnhaftigkeit von Gendern. Ich könnte es akzeptieren, dass du sie als interessantes Indiz wertest. Aber "robust"? Und "Beweis"? Beweise gibt es eigentlich nur in axiomatischen Systemen (z.B. Logik und Mathematik). Wie gut repliziert ist dieses Experiment von 2024 denn? (Was nicht repliziert ist, ist nicht robust. Und nach deinem nächsten Artikel könnte man sogar einschränken: Was nicht von Wissenschaftlern einer anderen politischen Couleur repliziert ist, ist nicht robust.) Was wäre passiert, wenn man die Frage gestellt hätte: Nenne eine berühmte Person (vom Genus her weiblich) aus der Politik. Hätten die meisten dann trotzdem Männer benannt? Vielleicht, weil es ja auch tatsächlich deutlich mehr berühmte Männer in der Politik gibt und gab als Frauen? Wie hat der Gender-Diskurs die Wahrnehmungen verändert, was das generische Maskulinum angeht? Meine Nullhypothese wäre, dass natürlich die Menschen bei Berufen eher an Männer gedacht haben, weil traditionell halt die Männer in den Berufen waren, die Frauen zu Hause. Und dass sie bei Krankenschwester natürlich an Frauen gedacht haben, weil das damals immer Frauen waren. Warum liegt dann nicht die Vermutung nahe: Sobald für 30 Jahre in einem Berufszweig gleich viele Frauen gearbeitet haben wie Männer, wird man auch nicht mehr automatisch an Männer denken, wenn es um diesen Beruf geht? Und warum liegt dann nicht die Vermutung nahe: Das Gendern erzeugt den Effekt, das Menschen bei der generischen Maskulinum-Formulierung erst recht nur an Männer denken. Also im Sinne von: Das Gendern erzeugt erst die Realität, die es dann zu beheben vorgibt. Verzehrt durch die historische Ungleichheit von Mann und Frau.

Ich bin kein Wissenschaftler, ich bin Philosoph, Anglist, Lehrer und Künstler, aber ich denke doch, dass der Diskurs und die daran geknüpften Experimente viel zu eingeengte Fragen stellt, um robuste "Beweise" für irgendetwas zu liefern. Was aber auf jeden Fall stattfindet, sind die negativen Kollateraleffekte: "Wer gendert, dem muss man nicht zuhören" ist ja tatsächlich eine geläufige Meinung unter Konservativen wie auch Nicht-Akademikern, die zusammen die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung (auch der Frauen!) ausmachen.

Und deshalb bin ich mit den progressiven Zielen d'accord: Gleichberechtigung, Abbau von Vorurteilen, Humanität. Ich halte die Methoden aber für nicht zielführend, auch wenn sie das unter Laborbedingungen sein könnten, weil Laborbedingungen eben nicht die chaotisch-schmutzige Realität abbilden können. Das anzunehmen wäre wieder typisch links-hemispherisch :)

Sorry für die Wall of Text. Ich hoffe du verstehst das als Zeichen meiner Achtung :)

Avatar von Not_John_Galt

Da ich von Kollegen in der Academia in großer Runde den Satz “Wenn 60% der Leute gegen Gendern sind, sind die Leute eben dumm“ an den Kopf geworfen bekam und einen Text mit generischem Maskulinum allein aufgrund dessen Verwendung nicht veröffentlichen durfte, ist das Thema für mich ein rotes Tuch. Dass Sie so reflektiert auf Herrn Knittels Fragen antworten gibt mir wieder etwas Glauben an unsere Intellektuellen zurück. Danke dafür

Avatar von Sebastian Tillmann

Vielen Dank, meiner Meinung nach sollte man immer in der Lage sein, andere Meinungen zu akzeptieren, den eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen und auch bei Uneinigkeiten sollte man immer zivilisiert bleiben.

Avatar von Not_John_Galt

Wahre Worte. Kennen Sie das Muschelhorn aus „Herr der Fliegen“? Das ist ein zerbrechliches Ding.

Avatar von Conrad Knittel

Das Wort “dumm” ist ja bereits entlarvend. Im Grunde ist es demokratieverachtend. Die Bildungselite hat natürlich auch eine gewisse Historie darin, mit gutem Grund, die Herrschaft des Mobs zu fürchten. Ach, ist das ein schwieriges Thema. Man will nichts Falsches sagen. Aber in unsere modernen demokratischen Verfassungen ist absichtlich und wie gesagt nicht ohne guten Grund ja ein gewisser Schutz gegen die Mehrheitsmeinungen eingebaut. Sonst spielte das Losverfahren eine prominentere Rolle.

Ich würde ehrlich gesagt lieber in einem Artikel gendern, als mich wegzensieren zu lassen — dahingehend hat Scott Alexander eine interessante Heuristik entwickelt, wann man “den Kampf aufgeben” sollte. Er sagt, bei 70% ;) Hier nachzulesen: https://www.astralcodexten.com/p/give-up-seventy-percent-of-the-way

Allerdings würde ich auch sagen, es gibt Dinge, bei denen man nicht nachgeben sollte, und das ist eine persönliche Entscheidung. Rote Linien zu ziehen hilft dagegen, irgendwann bei allem mitzumachen :) Kann aber auch dogmatisch machen. Nichts ist vollkommen.

Avatar von Not_John_Galt

Da haben Sie recht. Dass die Sternchensprache für mich eine rote Linie ist, ist sicher irgendwo willkürlich und in Relation bestimmt auch possierlich. Schlimm finde ich das Gaslightning, das die Redaktion betrieben hat. Man könne ja großzügigerweise für mich eine Ausnahme machen. Wohlgemerkt während die Hälfte ihrer Artikel bis dato im generischen Maskulinum erschienen ist. Das hatte ich angesprochen, seitdem werde ich geghostet. „SpringerNature - bei uns stehen die Autoren im Mittelpunkt“.

Avatar von Conrad Knittel

der niedergang des akademischen betriebs begann bei den Journals, isso ;)

Avatar von Not_John_Galt

Der Niedergang wird mit KI-generierten Papern und KI-generierten Peer-Reviews noch schlimmer. Dann haben wir tatsächlich irgendwann ein totes Internet, zumindest in der Wissenschaft

Avatar von Conrad Knittel

Jup, ein Zombie-Internet: KIs reden miteinander, Menschen liken es noch xD

Avatar von Sebastian Tillmann

Fair enough, "Beweis" ist hier absolut der falsche Begriff, es handelt sich absolut nur um Belege und diese sind auch erstmal noch mit Vorsicht zu genießen, weil es ja nicht so viele Studien sind (mal abgesehen von einem ggf. möglichen Bias der Forschenden selbst). Im übrigen war der Artikel natürlich nur eine Begründung warum ich persönlich gendere und dass meine Evaluation der Studienlage mich dazu bewegt hat, ich spreche da nicht für andere. ;)

Avatar von Conrad Knittel

Mich würde aber doch interessieren, inwiefern Du glaubst, dass es nicht doch in der Hauptsache der soziale oder hierarchische Druck war, der es für dich deutlich opportuner gemacht hat, zu beschließen, dass Gendern wohl sinnvoll ist und du es darum tust (hast du ja selbst angedeutet), und dass du jetzt das sunk-cost-Problem hättest, wenn du deine Meinung wirklich ändern müsstest. Anders gefragt, wenn Dein Arbeitgeber anders herum von dir verlangt hätte, dass Du nicht gendern sollst, wärst du zum gleichen Ergebnis gekommen? ;)

Avatar von Sebastian Tillmann

Das ist eine sehr berechtigte Frage, die ich natürlich nur zum Teil beantworten kann. Ich denke hier müsste man trennen zwischen privater und beruflicher Nutzung.

Im beruflichen Bereich gab es eine Erwartung in der Verwaltung, dass offizielle Dokumente gegendert werden. Dazu gab es eine Handlungsempfehlung, die das "wie" aufgezeigte. In diesem Kontext hätte ich das so oder so gemacht und es als Arbeitsanweisung empfunden. Ich hätte es aber nicht in "nicht-offizieller" Kommunikation, z.B. bei einfachen Email, mitgetragen, wenn die Evidenz für mich nicht zumindest einen Ansatz dafür geliefert hätte, dass das sinnvoll sein könnte. Der Grund, warum ich glaube, dass dies nicht (allein) durch Peer-Pressure oder hiearchischen Druck ausgelöst wurde, ist dass ich mich an anderer Stelle erfolgreich und ohne negative Konsequenzen gegen andere Empfehlungen gewehrt habe (z.B. meine eigenen Pronomen in meine Email-Signatur oder an meine Bürotüre zu schreiben) weil mir hier die Evidenz nicht ausgereicht hat. Von daher habe ich es immer als freiwillig empfunden. Aber du hast natürlich recht, dass hier das Einlenken gegenüber der Institution natürlich der Pfad des geringsten Widerstandes war.

Dennoch habe ich das privat auch gemacht, gerade weil die Evidenz mich überzeugte und werde es jetzt vermutlich auch privat umstellen nach dieser sehr fruchtbaren Diskussion hier auf Substack.

Fazit: Ja, externe Faktoren spielten sicherlich eine Rolle, wir sind ja alle nicht imun gegenüber solchen Elementen, aber ich glaube nicht, dass sie alleine dafür verantwortlich waren, dass ich diese Norm übernommen habe.

Avatar von Conrad Knittel

Okay, deine Evidenz überzeugt mich :)

Avatar von Matti Meeta
Jan 7Bearbeitet

Guter Artikel. Ich glaube aber, dass bei bei „Bayesianischen Prioritäten“ bei der Übersetzung etwas schief gegangen ist, wenn „Priors“ gemeint sind. Bayesian Priors sind a priori Annahmen, oder Vorannahmen

Avatar von Sebastian Tillmann

Guter Hinweis, danke!

Avatar von Reto Gmür

Genau, man sollte das Gendern vergleichen mit Sprachen in denen das generische Maskulinum konsequent durchgesetzt wird. Im Englischen ist es eher verpönt von actress zu sprechen, was vermutlich dazu führt, dass actor häufiger auch mit weiblichen Personen assoziiert wird. Interessant wäre auch der Vergleich mit geschlechtslosen Sprachen wie etwa dem Türkischen, so könnte man sprachlichen Bias von statistisch begründeten Vermutungen und Stereotypen unterscheiden.

Avatar von Klaus Moser

danke für die Hinweise auf die Quellen.

(1) "Das zentrale Argument gegen das Gendern ist das „Generische Maskulinum“ (GM). Die Theorie besagt, dass „Die Chirurgen“ neutral alle Geschlechter repräsentiert." Ich halte diese Charakterisierung des Konzepts "generisches Maskulinum" für falsch. Ob etwas klar generisch gemeint ist, ergibt sich aus dem Kontext. "Die Chirurgen" hat keinen Kontext, daher ist nicht klar, wie es gemeint ist. Bei "Alle Chirurgen" wäre es meistens klar, aber selbst da gäbe es Ausnahmen. Die meistens Menschen verstehen das im Kontext.

(2) Die Studien zur Verständlichkeit machen es sich sehr einfach. Wenn es offen ist, ob jemand Genderist ist, ist ein Text oft unklar, also generiert per se Unverständlichkeit. Das ist kein empirisches, sondern ein analytisches Problem. Ein einfaches Beispiel: Ein Text beginne mit "A. hat Bürgergeld erhalten." Wenn der Text von einem Genderisten geschrieben wurde, dann muss A. männlich sein und das Bürgergeld ist etwas, das nur für Männer bestimmt ist. Wenn der Text von einem Non-Genderisten geschrieben wurde, dann ist das Geschlecht von A. unbestimmt und das Bürgergeld hätten prinzipiell alle erhalten können.

Von dieser Art Unverständlichkeit gibt es zahlreiche Beispiele. Was ist z.B. eine "bürgernahe Politik"? Eine, die nur Männer adressiert? Wer arbeitet im "Kundendienst"? Nur Männer? Und wohnen in der "Nachbarschaft" nur Männer? (Ich frage für einen Freund ...)

Avatar von Hermann

Was ist z.B mit dem Begriff "Kunden"? Das waren auch vor 50 Jahren überwiegend Frauen. Insbesondere z.B. im Supermarkt vermutlich sogar fast ausschließlich. Aufgrund solcher Beispiele bin ich einfach nicht überzeugt dass das gemerische maskulinum so eine große Rolle spielt. Dafür nun die deutsche Sprache zu verschandeln scheint mir nicht gerechtfertigt. Und bezüglich dem Lesefluss: Dafür brauche ich nun wirklich keine Studie. Es reicht schon derartiges mal laut vorzulesen. Da ist das Sternchen noch das kleinste Problem. Praktisch wird oft aus dem maskulinum einfach das femininum. Oder aber der Text wird unnötig in die Länge gezogen. Alles in allem eine unpraktische und aufwendige Regelung.

Avatar von Joy Ponader

Danke für die umfangreiche Darstellung. Was ich nicht verstehe: Wie passt die Sorge, bis zu 30% der Lesenden zu verlieren, zu Halfmann et al. (2025)?

Avatar von Gerald Ullrich

“Er zwingt das Gehirn dazu, die automatische, stereotype Assoziation kurz zu unterbrechen und die Kategorie „Frau“ aktiv mitzudenken.“

Die beste Korrektur sind geänderte Wirklichkeiten, nicht die sprachliche Verpackung!

In der ehemaligen DDR war es völlig unklar, ob ein Busfahrer ein Mann oder eine Frau war, denn am Steuer gab es, anders als in der BRD, sowohl diese wie jene. Das war auch im MINT Bereich meines Wissens so. Frau war Ingenieur!

Deshalb sollte man in meinen Augen viel mehr Augenmerk auf die großen Hebel legen, also die Ausschreibungen gut verfassen, geblindete Auswahlverfahren, oder auch Geschlechter in den MINT-Fächern getrennt beschulen.

Das Gendern ist mir nichts anderes als ein Markieren, dass man sich selbst für “fortschrittlich“ hält bzw. anerkennt, dass die Unterscheidung und damit Betonung des Geschlechts ein herausragendes Kriterium ist bzw stets zu beachten ist.

Mir sind die Überlegungen zum “pragmatischen“ Umgang mit dem Gendern am Schluss des Textes sympathisch gewesen, weil die dort anklingenden Negativeffekte eben auch nicht gering sind.

Avatar von Herbert Schmidt

Zuerst einmal danke für die detaillierte Auseinandersetzung die tatsächlich viele Annahmen entkräftet. Allerdings finde ich sie doch etwas tendenziös.

Es wird hier eine absolute Aussage getroffen (wie "ist widerlegt") auf basis einer Studie oder einer sehr geringen Anzahl. Man müsste zudem den Studienaufbau berücksichtigen.

Weiters sind Schlüsse wie die erhöhte Anzahl an Frauen in MINT Bereichen so nicht zulässig. In vielen Staaten, die im Bereich der Geschlechtergleichheit weiter sind (Beispiel Finnland) ist dieser große Unterschied in MINT Bereichen zu sehen, obwohl die finnische Sprache (als Beispiel) geschlechtsneutral ist.

Weiters geht es auch darum, wer bestimmt was Sprache ist. Ein Universität oder eine andere Institution ist nicht Hüter der Sprache und hat auch nicht das Recht zu bestimmen, was korrektes Deutsch ist. Insofern ist die Forderung nach Gendern rechtlich und auch linguistisch fragwürdig (es gibt übrigens dazu m. W. ein Urteil in Österreich). Diese Hybris erlebt man leider zu oft.

Letztens muss klar festgehalten werden, dass die Schönheit der Sprache, der Klang und die Melodie mit Gendern fast immer beeinträchtigt wird. Das hat im akademischen Bereich wenig Bedeutung, da hier ein schöner Umgang mit Sprache aktiv erschwert oder sogar verhindert wird. Dennoch besteht Sprache nicht nur im akademischen Umfeld sondern vor allem im zwischenmenschlichen und im erzählerischen Kontext. Hier zu gendern ist eben doch eine Aussage, nämlich dass die Schönheit der deutschen Sprache nicht wahrgenommen oder nicht wertgeschätzt wird.

Avatar von Gregor Gross

Frage: es gibt doch Länder, zb generisches Feminum haben wie Ungarn, glaube ich. Gibt es Studien, die die positiven Effekte auch dort belegen?

Avatar von Sebastian Tillmann

Spannende Frage, leider kenne ich diese Studien nicht. Oft liegt es auch daran, dass solche Länder einfach auf Grund ihrer Größe und der erschwerten Zugänglichkeit der Sprache weniger beforscht werden.

Avatar von DayNie

Sprache ist kein Etikett, mit dem wir Menschen einsortieren sollten, sondern der Ort, an dem wir uns überhaupt erst begegnen. Wenn ein Sternchen reicht, um einen Text nicht mehr zu lesen,

dann zeigt das weniger über das Zeichen als über unsere Zeit. Wir haben verlernt, uns von Sprache irritieren zu lassen, ohne sofort zu fliehen.

Sprache war einmal der Weg Fremde miteinander zu "verheiraten". Heute dient sie leider oft nur noch dazu, die eigenen Leute zu erkennen und die anderen auszublenden.

Aber wo Sprache nur noch bestätigt, hört sie auf, Öffentlichkeit zu sein. Vielleicht ist das eigentliche Problem also nicht das Gendern oder das Nicht-Gendern, sondern dass wir Zeichen wichtiger nehmen als das Gespräch, das sie tragen sollen. Was meinst du?

Und wie spricht man dann? Stell ich mir ehrlich gesagt als Hindernis vor. Sprache lebt zuerst im Atem, nicht im Layout. Wie übertragen wir das auf das gesprochene Wort?

Avatar von Bernd Paysan

Mich stört der Lesefluss nicht, weil ich Schnellleser bin. Das, was so im Wort*inneren stattfindet, sehe ich nicht so deutlich. Ich vermute aber, dass ich normal gegenderte Wörter daher eher dem Femininum zuordne. Entgenderte z.B. nach Phettberg kann ich aber eindeutig als solche erkennen, da ist schließlich die relevante Änderung am Wortende, und gleich auch noch mit Unterlänge. Für die gesprochene Sprache ist diese Form auch klarer und eindeutiger.

Ich denke auch, dass das zunehmende Gendern dafür sorgt, dass das Maskulinum seine generische Eigenschaft verliert. Etwas ähnliches ist in Schweden passiert, das jetzt seit etwas über 10 Jahren ein genderneutrales Pronom (hen) hat.

https://de.babbel.com/de/magazine/geschlechtsneutrales-pronomen-schwedisches-hen

Insofern beobachten wir hier wohl, wie die Interpretation von Sprache sich verändert, wenn man neue Sprachkonstrukte hineinwirft. Als man vor Jahrzehnten mit dem Gendern anfing (noch in der bei Politikern heute noch üblichen Form „Bürgerinnen und Bürger“) wollte man die weibliche Form bewusst sichtbar machen, weshalb sie ja als erstes kommt. Schon damals hat Verweigerung natürlich bedeutet, dass der Sprecher Frauen bewusst nicht mitmeinen wollte, zumindest für Zuhörys aus dem progressiven Spektrum.

Das ist aber nicht einfach nur Semantik, sondern Identity Politics. Und natürlich ist Sprache nicht nur Semantik, sondern dient auch dazu, Gruppenzugehörigkeit zu signalisieren. Trennen kann man das alles nicht so einfach. Wir müssen gendern, weil Leute, die als progressiv wahrgenommen werden wollen, gendern, und selbstverständlich gendern reaktionäre Leute bewusst nicht, und meinen aufgrund ihrer klassischen, also reaktionären Rollenbilder Frauen sowieso nicht mit.

Und dann komme ich zum Anfang zurück: für Leute, die schon zur Zeitung mit großen Buchstaben und kurzen, einfachen Sätzen greifen, ist Gendern ein Problem. Doppelpunkte oder Sterne mitten in Wort erschweren denen das Lesen. Die hopsen nicht wie ich von Leerzeichen zu Leerzeichen, um ganze Wörter wahrzunehmen, die laufen nicht wie Legolas über den Schnee, sondern quälen sich wie Gimli durch den tiefen Schnee. Für die ist entgendern zugänglicher.