Warum ich gendere: Die Evidenz
Gendern in der deutschen Sprache: Was 10 Jahre Forschung zeigen
„Danke, dass Du mir das Lesen des Artikels leicht gemacht hast, weil ich schon am Anfang durch das Gender* darauf hingewiesen wurde, dass Deine Position durchaus progressiv ist. Viel Zeit gespart durch die woke Selbstenttarnung!“
Diesen Kommentar schrieb mir ein Leser kürzlich unter einen meiner Posts. Er sah ein Sternchen und wollte das Lesen sofort abbrechen. Ironischerweise passierte mir auf LinkedIn fast zeitgleich das Gegenteil: Dort wurde mir unterstellt, ich stünde politisch eher rechts, weil ich die Wirksamkeit verschiedener Diversity-Maßnahmen im Hochschulkontext in Frage stelle. Im Dialog mit dem entsprechenden Leser konnte ich ihn dann dennoch ermutigen, den Text zu lesen und konnte entsprechend die Kommunikation aufrecht erhalten.
Update: 21.1.2026: Als Resultat auf die spannende Diskussion auf verschiedenen Plattformen habe ich ein Update hier geschrieben.
Diese Erfahrung zeigt: Sprache ist heute zum ultimativen „Shibboleth“ geworden – ein Erkennungsmerkmal, mit dem wir Menschen sofort in Lager sortieren. Wer gendert, trägt „Woke-Grün“; wer es lässt, trägt „Konservativ-Blau“. Dementsprechend kann dieses Signal dazu führen, dass eine Person sich gar nicht erst auf den Inhalt einlässt. Das ist zwar nicht ideal, aber nachvollziehbar. Auch ich lese manchmal Texte nicht zu Ende, weil bestimmte Elemente mich darauf schließen lassen, dass der Text nichts für mich ist (auch nicht ideal, aber sehr menschlich).
Doch als jemand, der empirische Evidenz als Goldstandard für Entscheidungen fordert, verweigere ich die Uniform. Ich habe dem Leser geantwortet, dass ich meine Sprache anpasse, weil ich die Evidenzlage für ausreichend halte. Ich gendere nicht aus „Wokeness“, sondern aus dem Streben nach Präzision. In diesem Artikel schlüssle ich auf, was die Forschung der letzten Dekade (2015–2025) darüber aussagt.
Vorweg: Als ich 2020 aus der Forschung in das Referat für Gleichstellung, Familienförderung und Diversity und damit auch in die Verwaltung der Universität Konstanz wechselte, gehörte natürlich auch die Adaption von gender-gerechter Sprache nach den Empfehlungen der Universität zu meinen neuen Aufgaben. Und ich muss klar einräumen, zu Beginn war ich skeptisch, ob diese Maßnahme tatsächlich funktioniert oder letztendlich eher ein Signal ist. Ich habe die damals verfügbare Literatur zum Thema gelesen und bin letztendlich zu dem Schluss gekommen: Gender-gerechte Sprache ist ausreichend belegt, meine Bedenken waren nicht empirisch fundiert genug. Dementsprechend habe ich die Empfehlungen der Universität vollständig übernommen und sie auch mit gutem Wissen und Gewissen vertreten. Hier möchte ich einmal zusammenfassen, wie diese Evidenz mittlerweile aussieht und kann vorweg sagen: Sie ist in den letzten Jahren stärker geworden. Allerdings, wie der Kommentar des Lesers oben schon zeigte, kann die Verwendung auch negative Nebeneffekte haben, die ich weiter unten noch diskutieren werde. Zuerst aber: Die Evidenz.
Die neue Qualität der Evidenz: Warum die letzten 10 Jahre zählen
Kritiker*innen¹ werfen der Gender-Forschung oft vor, sie basiere auf instabilen Kleinststudien oder rein normativen Theorien. Das ist in vielen Fällen auch eine angemessene Kritik. Doch gerade die Psycholinguistik hat in den letzten Jahren einen massiven Qualitätssprung vollzogen, um der „Replikationskrise“ zu begegnen. Die moderne Forschung nutzt Präregistrierungen und Multi-Lab-Replikationen, um „P-Hacking“ (das Schöndrehen von Daten) auszuschließen.
Das „Big Picture“: Die systematische Review von Cruz-Neri (2025)
Wenn wir über Evidenz sprechen, ist die Arbeit von Cruz-Neri et al. (2025) das aktuell wichtigste Dokument. Es handelt sich um eine systematische Review, die den gesamten Forschungsstand für die deutsche Sprache analysiert.
[Anmerkung S. Tillmann am 7.1.: Ich hatte hier einen Fehler bei der Benennung der Autor*innen dieses Reviews, den ich korrigiert habe.]
Die Forscher*innen haben über 38 empirische Studien hinweg ausgewertet, wie geschlechtergerechte Sprache (Gender-fair Language, GFL) wirkt. Das Ergebnis dieser „Vogelschau“ ist eindeutig:
Konsistente Sichtbarkeit: Über alle Studien hinweg zeigt sich ein stabiler positiver Effekt auf die mentale Sichtbarkeit von Frauen.
Keine Barrieren: Es konnten keine signifikanten negativen Auswirkungen auf die Verständlichkeit oder Lesbarkeit von GFL-Texten nachgewiesen werden.
Wir sprechen hier also nicht mehr von Einzelmeinungen, sondern von einem konsolidierten wissenschaftlichen Konsens, der auf einer breiten Datenbasis fußt (Cruz Neri et al., 2025).
Der „Male Bias“: Warum das Gehirn nicht „neutral“ schaltet
Das zentrale Argument gegen das Gendern ist das „Generische Maskulinum“ (GM). Die Theorie besagt, dass „Die Chirurgen“ neutral alle Geschlechter repräsentiert. Die Forschung belegt jedoch den sogenannten „Male Bias“.
Die Brohmer-Replikation (2024)
Um zu verstehen, wie tiefgreifend Sprache unser Denken beeinflusst, muss man sich die Untersuchung von Brohmer et al. (2024) genauer ansehen. Dabei handelt es sich um eine präregistrierte Multi-Lab-Replikation einer klassischen Studie von Stahlberg et al. (2001). Das Besondere: Hier arbeiteten 12 verschiedene Labore in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen, um eine Stichprobe von 2.697 Teilnehmenden zu untersuchen.
Das Design: Die „Famous Person Task“
Die Teilnehmenden erhielten eine einfache Aufgabe: „Nennen Sie zwei berühmte [Personenkategorie]“. Die Gruppen wurden dabei unterschiedlichen sprachlichen Bedingungen ausgesetzt:
Generisches Maskulinum: „Nennen Sie zwei berühmte Politiker.“
Paarform: „Nennen Sie zwei berühmte Politikerinnen und Politiker.“
Genderstern: „Nennen Sie zwei berühmte Politiker*innen.“
Was kam dabei heraus?
Die Ergebnisse sind sehr klar und zeigen keine Unterstützung für eine Annahme der Neutralität auf:
Der Sichtbarkeitseffekt: Unter der Bedingung des generischen Maskulinums nannten die Teilnehmenden die geringste Anzahl an Frauen. In vielen Fällen dachten die Proband*innen schlicht ausschließlich an Männer.
Die Wirksamkeit von Alternativen: Sowohl die Paarform als auch der Genderstern führten dazu, dass signifikant mehr Frauen genannt wurden. Das Nennen weiblicher Vorbilder stieg unter diesen Bedingungen massiv an, was die mentale Repräsentation der sozialen Realität deutlich präziser machte.
Unabhängigkeit von Vorurteilen: Ein entscheidender Punkt der Studie war, dass dieser Effekt auch dann stabil blieb, wenn man die persönliche Einstellung der Proband*innen zum Gendern oder ihre generelle Erwartungshaltung (wie viele Frauen in einem Beruf arbeiten) statistisch herausrechnete.
Warum ist diese Studie so wichtig?
Brohmer et al. (2024) beweisen, dass die sprachliche Form einen eigenständigen kognitiven Beitrag leistet. Es ist eben nicht egal, wie wir Dinge benennen. Das generische Maskulinum fungiert als kognitiver „Flaschenhals“, der den Zugriff auf weibliche Informationen im Gehirn erschwert. Dass diese Studie über 12 Labore hinweg repliziert wurde, macht die Ergebnisse zu einem der robustesten Befunde der modernen Psycholinguistik.
Burnett & Pozniak (2021): Warum „Mitmeinen“ logisch scheitert
Wenn das Maskulinum doch „neutral“ sein könnte, warum funktioniert es dann im Alltag nicht? Burnett und Pozniak (2021) liefern hierzu eine brillante Analyse auf Basis der pragmatischen Sprachverarbeitung (Grice’sche Maximen).
Das Problem der „Bayesianischen Prioritäten“:
Sie weisen nach, dass unser Gehirn Sprache nicht im Vakuum interpretiert, sondern auf Basis von Wahrscheinlichkeiten (Stereotypen).
Grice’sche Logik: Wenn ein Sprecher eine maskuline Form wählt, obwohl eine weibliche Markierung möglich wäre, geht das Gehirn der hörenden Person davon aus, dass die spezifischere Information (weiblich) weggelassen wurde, weil sie nicht zutrifft.
Das Scheitern des Schlussfolgerns: Da viele Berufe (z.B. „Ingenieure“) gesellschaftlich männlich assoziiert sind, verstärkt das Maskulinum diese Vorannahme. Die hörende Person schließt logisch darauf, dass Männer gemeint sind.
Resultat: Selbst wenn ein*e Sprecher*in „neutral“ meint, kommt bei Hörer*innen „männlich“ an, weil die Sprache die bestehenden Stereotype nicht aktiv bricht, sondern sie als Default bestätigt.
Der ökonomische Case: Talentgewinnung und „Belonging“
Sprache hat reale Konsequenzen für den Arbeitsmarkt. In Zeiten des Fachkräftemangels ist die Frage, wer sich angesprochen fühlt, eine ökonomische Notwendigkeit.
Die PNAS-Studie von Joyce & Kang² (2025): De-biasing in der Praxis
In einer brandneuen Feldstudie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) untersuchten Joyce & Kang (2025), wie man Bewerbungspools durch Sprache gezielt diversifizieren kann. Sie gingen dabei über die reine Nutzung von Sternchen hinaus.
Das Experiment:
Die Forscher*innen ersetzten in echten Stellenanzeigen systematisch maskulin kodierte Begriffe (z.B. „durchsetzungsstark“, „analytisch-hart“) durch neutrale Äquivalente und nutzten konsequent geschlechtergerechte Berufsbezeichnungen.
Das Ergebnis: Die Änderung führte zu einer signifikanten Erhöhung der Geschlechterdiversität im Bewerbungspool. Frauen fühlten sich nicht nur „mitgemeint“, sondern explizit angesprochen.
Kein Qualitätsverlust: Entgegen der Befürchtung mancher Kritiker*innen sank die Qualität der Bewerbungen nicht. Im Gegenteil: Durch die breitere Ansprache konnten Talente gewonnen werden, die sich zuvor durch die maskuline Sprachbarriere abgeschreckt fühlten.
Sprache fungiert hier als „Anticipated Belonging“-Signal: Sie signalisiert potenziellen Mitarbeiter*innen, ob sie in der Unternehmenskultur willkommen sind (Joyce & Kang, 2025).
Bildung und Selbstwirksamkeit: Die Weichenstellung in der Kindheit
Die Auswirkungen von Sprache beginnen nicht erst im Berufsleben, sondern bereits in der Grundschule.
Lenhart und Heckel (2025): „Ich kann das auch“
In ihrer Studie untersuchten Lenhart und Heckel (2025) die Wirkung von geschlechtergerechter Sprache auf Kinder der Primarstufe. Sie konzentrierten sich dabei auf stereotypisch maskuline Berufe (z.B. Ingenieur, Pilot).
Der Mechanismus: Kindern wurden Berufe entweder im generischen Maskulinum oder in Paarformen präsentiert. Anschließend sollten sie ihre eigene Fähigkeit einschätzen, diesen Beruf später auszuüben (Occupational Self-Efficacy).
Das Ergebnis: Mädchen zeigten eine signifikant höhere berufliche Selbstwirksamkeit, wenn die Berufe geschlechtergerecht benannt wurden. Das Gendern brach die stereotype Assoziation „Technik = Mann“ auf und erlaubte es den Mädchen, sich selbst in diesen Rollen zu sehen.
Vervecken und Hannover (2015) konnten zudem zeigen, dass inklusive Sprache die Wahrnehmung der Schwierigkeit eines Berufs nicht verändert, wohl aber die Einschätzung, wer diesen Beruf erfolgreich ausüben kann.
Die „Lesefluss“-Debatte: Vermutung vs. Messung
Das wohl populärste Gegenargument ist die Beeinträchtigung der Lesbarkeit. Doch hält dies einer wissenschaftlichen Prüfung stand?
Pabst und Kollmayer (2023): Verständlichkeit für alle
Ein häufiger Vorwurf lautet, Gendern sei ein „Elitenprojekt“, das Menschen mit geringerem Bildungshintergrund ausschließe. Pabst und Kollmayer (2023) haben genau das untersucht.
Das Design: Sie verglichen die Textverständlichkeit von gegenderten Texten bei Erwachsenen mit und ohne akademischen Hintergrund.
Das Ergebnis: Es gab keine signifikanten Unterschiede in der Informationsaufnahme. Menschen ohne Studium verstanden Texte mit Gendersternchen genauso gut wie Texte im generischen Maskulinum. Die Barriere-Hypothese wurde damit empirisch entkräftet.
Halfmann et al. (2025): Bleiben die Leser*innen weg?
In einer medienpsychologischen Studie untersuchten Halfmann et al. (2025), ob die Nutzung von geschlechtergerechter Sprache in Nachrichtenartikeln dazu führt, dass Nutzer*innen weniger Zeit mit dem Content verbringen oder Artikel seltener anklicken.
Das Ergebnis: Das Engagement der Leser*innen blieb stabil. Weder die Auswahl der Nachrichten noch die Verweildauer wurden durch inklusive Sprache negativ beeinflusst. Die oft prophezeite „Leser*innenflucht“ existiert in den Daten schlicht nicht.
Mora et al. (2025): Der kognitive Check durch den Mediopunkt
Mora et al. (2025) untersuchten spezifisch den Einfluss des Mediopunkts (z.B. Forscher·innen) auf stereotype Assoziationen in Wissenschafts- und Pflegeberufen.
Der Befund: Der Marker wirkt wie ein kognitiver „Check“. Er zwingt das Gehirn dazu, die automatische, stereotype Assoziation kurz zu unterbrechen und die Kategorie „Frau“ aktiv mitzudenken. Dies führt langfristig zu einer präziseren mentalen Abbildung der Berufsfelder.
Ein Rechenbeispiel aus der Praxis
Nehmen wir die Ergebnisse von Joyce & Kang (2025) und projizieren sie auf eine typische Stellenausschreibung in einem MINT-Bereich (z.B. IT-Entwicklung), um die Zahlen greifbar zu machen.
Szenario A: Generisches Maskulinum & maskuline Kodierung
Bewerbungen insgesamt: 100
Anteil Frauen: 15% (15 Bewerberinnen)
Gefühl der Zugehörigkeit bei Frauen: Niedrig
Szenario B: Geschlechtergerechte Sprache & neutrales „De-biasing“
Die Forschung zeigt, dass allein durch die sprachliche Anpassung der Anteil der Frauen im Pool signifikant steigen kann, oft um 5 bis 10 Prozentpunkte (absolut).
Bewerbungen insgesamt: 105 bis 110 (Der Pool wird oft insgesamt größer, da sich mehr Talente angesprochen fühlen)
Anteil Frauen: Steigt auf ca. 20% bis 25% (20 bis 25 Bewerberinnen)
Das Ergebnis: Es sind plötzlich 33 % bis 67 % mehr qualifizierte Frauen im Auswahlprozess und das nur durch das Ändern von Textbausteinen.
In der kognitiven Wahrnehmung (Brohmer et al., 2024) bedeutet ein Effekt von d = 0.5, dass gegenderte Sprache die Sichtbarkeit von Frauen so stark erhöht, dass der „Male Bias“ substantiell reduziert wird. Wir bewegen uns weg von einer rein männlichen Assoziation hin zu einer fast paritätischen Wahrnehmung der sozialen Realität.
Kurz gesagt: Die positiven Effekte (Sichtbarkeit, Motivation, Marktzugang) bewegen sich im Bereich von kleinen bis mittleren Effekten. Das ist für eine so minimale Intervention wie ein Wortende oder ein Sonderzeichen eine enorme Hebelwirkung. Die negativen Effekte (z.B. Verständlichkeit) hingegen liegen nahe dem Nullpunkt.
Die Kehrseite: Warum Gendern trotzdem polarisiert
Die Evidenz für die kognitiven und sozialen Effekte geschlechtergerechter Sprache ist robust. Doch wer ehrlich argumentiert, muss auch die Kosten benennen und die sind real, auch wenn sie bisher kaum systematisch erforscht sind.
Das Shibboleth-Problem: Sprache als tribale Markierung
Die oben genannte Reaktion eines Lesers auf mein Sternchen war keine Ausnahme. In den Kommentaren unter meinen Posts zeigt sich regelmäßig: Gendern wird nicht primär als linguistische oder empirische Entscheidung wahrgenommen, sondern als politisches Signal. Wer gendert, wird automatisch dem „progressiven Lager” zugeordnet und zwar unabhängig davon, was der Text inhaltlich aussagt.
Das ist ein echtes Dilemma. Denn wenn mein Ziel ist, Menschen von der Evidenz zu überzeugen, dann verliere ich mit dem Sternchen möglicherweise genau jene Leser*innen, die ich am dringendsten erreichen müsste: diejenigen, die Diversity-Maßnahmen ohnehin skeptisch gegenüberstehen.
Die Reaktanz-Hypothese: Wahrgenommene Bevormundung
Ein zweiter Effekt lässt sich aus der psychologischen Reaktanzforschung ableiten, bzw. vermuten: Menschen wehren sich gegen wahrgenommene Einschränkungen ihrer Freiheit. Wenn Gendern als „von oben verordnet” empfunden wird – sei es durch Universitätsleitlinien, Redaktionsvorgaben oder gesellschaftlichen Druck –, kann das zu aktivem Widerstand führen.
Dieser Backlash-Effekt ist bisher nicht für Gendern spezifisch untersucht worden, aber die Mechanik ist plausibel: Je stärker die normative Erwartung, desto größer die Abwehr bei jenen, die sich bevormundet fühlen. Das Sternchen wird dann zum Symbol für „Sprachpolizei”, nicht für Präzision.
Die Abwägung: Präzision vs. Reichweite
Hier liegt der Kern des Problems: Wenn ich gendere, maximiere ich die kognitive Präzision meiner Sprache, aber ich riskiere, einen Teil meiner Leserschaft von vornherein zu verlieren. Ist ein Text, den 30 % der Menschen nicht mehr lesen, wirklich „besser”, nur weil er geschlechtergerecht formuliert ist?
Meine Antwort darauf ist pragmatisch: Ja, aber mit Augenmaß. Die Forschung zeigt, dass geschlechtergerechte Sprache funktioniert, aber sie zeigt auch, dass dieser Effekt nicht in jedem Kontext gleich wichtig ist. In einer Stellenanzeige für Ingenieur*innen ist die präzise Ansprache potenzieller Bewerber*innen ökonomisch entscheidend. In einem Blogpost über Fiskalpolitik ist sie das gegebenenfalls nicht.
Deshalb gendere ich in meinen Texten, weil ich den kognitiven Mehrwert für relevant halte, aber ich respektiere, dass andere diese Abwägung anders treffen. Was ich ablehne, ist die Behauptung, Gendern sei „unwissenschaftlich” oder „schadet der Verständlichkeit”. Das ist empirisch nicht haltbar. Aber die Frage, ob der Nutzen die sozialen Kosten überwiegt, ist eine legitime Abwägung, bei der es keine eindeutige „richtige” Antwort gibt.
Fazit: Warum ich mich für die Daten entscheide
Zurück zu dem kritischen Kommenar des Lesers vom Anfang. Er antwortete mir auf meine Reaktion: „Deine freundliche Antwort jedoch heischt Lesebereitschaft.“
Genau darum geht es. Wir müssen weg von emotionalen Grabenkämpfen. Ich gendere, weil:
Präzision zählt: Das generische Maskulinum erzeugt nachweislich verzerrte Bilder im Kopf (Brohmer et al., 2024; Cruz-Neri et al., 2025).
Marktzugang entscheidend ist: Inklusive Sprache öffnet Bewerbungspools und adressiert den Fachkräftemangel (Joyce & Kang, 2025).
Chancengerechtigkeit früh beginnt: Sprache stärkt das Selbstvertrauen von Kindern in ihre berufliche Zukunft (Lenhart & Heckel, 2025).
Verständlichkeit gegeben ist: Weder Lesefluss noch Informationsaufnahme leiden messbar, egal welcher Bildungshintergrund vorliegt (Pabst & Kollmayer, 2023; Halfmann et al., 2025).
Gendern ist, zumindest in meinem Fall, keine „Selbstenttarnung“ als Ideologe. Es ist das Ergebnis einer nüchternen Analyse der psycholinguistischen Faktenlage. Wenn wir die Welt präziser beschreiben können, ohne dabei Informationen zu verlieren, warum sollten wir es dann nicht tun?
¹Anmerkung: 9.1.: Ich habe hier versehentlich vergessen den Begriff Kritiker zu gendern und habe das nachträglich korrigiert.
²Anmerkung: 23.1.; Danke für den Hinweis, dass mir hier die Benennung verrutscht war. Ursprünglich hatte ich dieses Paper Castilla & Rho zugeschrieben, es stammt aber von Joyce & Kang. Danke an Lars für diesen Hinweis.
Update: 21.1.2026: Als Resultat auf die spannende Diskussion auf verschiedenen Plattformen habe ich ein Update hier geschrieben.
Quellenverzeichnis
Brohmer, H., Hofer, G., Bauch, S. A., Beitner, J., Berkessel, J. B., Corcoran, K., ... & Jauk, E. (2024). Effects of the generic masculine and its alternatives in Germanophone countries: A multi-lab replication and extension of Stahlberg, Sczesny, and Braun (2001). International Review of Social Psychology, 37(1), 1–25.
Burnett, H., & Pozniak, C. (2021). Failures of Gricean reasoning and the role of stereotypes in the production of gender marking in French. Glossa: A Journal of General Linguistics, 6(1), 50.
Joyce, J. B., & Kang, S. K. (2025). Debiasing job ads by replacing masculine language increases gender diversity of applicant pools. Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), 122(7).
Halfmann, A., et al. (2025). Small word change, large effect on news users? How the use of gender-inclusive language in news articles influences news selection and news engagement. Journal of Media Psychology.
Lenhart, J., & Heckel, F. (2025). Effects of gender-fair language on the cognitive representation of women in stereotypically masculine occupations and occupational self-efficacy among primary school girls and boys. Sex Roles, 91(6).
Mora, S., Gygax, P. M., & Gabriel, U. (2025). The Middle Dot Challenge: Influence of Gender-Fair Language on Representations and Stereotypical Associations of Science and Care Job. Journal of Language and Social Psychology.
Cruz Neri, N., & Siems-Muntoni, F. (2025). A systematic review of the effects of gender-fair language in German as a grammatical gender language. [Preprint]. [Anmerkung S. Tillmann am 7.1.: Hier hatte ich ursprünglich einen Fehler in der Zitation und eine weitere Autorin benannt, das war ein Fehler].
Pabst, L. M., & Kollmayer, M. (2023). How to make a difference: The impact of gender-fair language on text comprehensibility amongst adults with and without an academic background. Frontiers in Psychology, 14, 1234860.
Vervecken, D., & Hannover, B. (2015). Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy. Social Psychology, 46(2), 76–92.


Dankeschön für den guten Überblick über die Studien- und Datenlage. Ich bin kein Linguist, aber Sprachprofi - Medienschaffender, Autor, Übersetzer, Lehrender in Sachen hörgerechte Kommunikation. Was Letzteres betrifft, hilft mir der Genderstern und das Binnen-I kein Stück. Beruflich pflege und vermittle ich "aufmerksame Sprache": Generisches Maskulinum vermeiden, beide Geschlechter ansprechen, Ladies First (weil das spätestens seit Napoleon ein Gebot der Höflichkeit ist, und die ist m.W. nicht grundsätzlich abgeschafft). Frauen stelle ich es frei, welche Reihenfolge sie wählen.
Bei aller grundsätzlichen Zustimmung zu Ihrer Haltung: Gendersprache wie aufmerksame Sprache hat unverrückbare Grenzen. Die hängen u. A. mit den Umständen des Spracherwerbs zusammen. Zu meinem großen Vergnügen sperrt sich z. B. der. Begriff "Muttersprache" hartnäckig gegen alle Genderversuche. Angebotene Alternativen sind durchweg nicht sachgerecht. Und seit Ludwig Wittgenstein ist bekannt, dass Menschen ihren Wortschatz im Rahmen von Sprachspielen erweitern. Das Spielerische ist der erbittert-schalkhafte Feind verordneter Sprachregelungen. Müsste ich den Schalk und den Feind eigentlich auch gendern? Obwohl sich beide auf das sächlich-neutrale Spielerische beziehen? - Ganz im Ernst: Sprachkonventionen sind genau dieses. Vereinbarungssache. Solange sich niemand herausnimmt, andere zu bevormunden, und solange frei ausgehandelt wird, was gilt, ist alles gut.
Danke für den aufschlussreichen Artikel! Was ich mich schon länger frage: Könnte es sein, dass der Effekt (dass großteils an Männer gedacht wird beim generischen Maskulinum) noch größer wird im Laufe der Zeit? Weil wenn immer mehr Personen gendern, kann man ja davon ausgehen, dass auch wirklich nur Männer gemeint sind wenn das gen. Mask. verwendet wird. (Sonst wäre ja gegendert worden)