Mikroaggressionen: 50 Jahre Forschung ohne Beweis
Große Worte, wacklige Fundamente
“Wo kommst du denn her?”
Eine einfache Frage beim Kennenlernen. Doch je nachdem, wen man fragt, erhält man sehr unterschiedliche Bewertungen. Für manche ist es Ausdruck von Neugier und Interesse. Für andere eine “Mikroinvalidation”, d.h. eine subtile Botschaft, dass man nicht wirklich dazugehört, egal wie gut man Deutsch spricht oder wie lange man schon hier lebt.
In Diversity-Trainings, universitären Leitfäden und therapeutischen Kontexten hat sich das Konzept der Mikroaggressionen in den letzten Jahren fest etabliert. Die Botschaft: Diese kleinen, oft unbewussten Verletzungen sind real, häufig, schädlich, und wissenschaftlich gut belegt. Trainingsprogramme lehren, wie man sie erkennt. Universitäten entwickeln Richtlinien, wie man sie vermeidet. Therapeut*innen arbeiten mit Klient*innen an den psychischen Folgen.
Aber wie steht es wirklich um die wissenschaftliche Grundlage? Diese Frage ist seit Jahren umstritten. Der Psychologe Lee Jussim hat kürzlich auf seinem Substack “Unsafe Science” einen ausführlichen Artikel veröffentlicht, nämlich den Preprint eines zur Publikation eingereichten Papers, verfasst gemeinsam mit Richard McNally. Ihre Kernthese: Nach 50 Jahren Forschung wurden die zentralen Behauptungen über Mikroaggressionen wissenschaftlich nie belegt.
Da ich das Thema ohnehin schon länger aufgreifen wollte und Jussims Analyse die methodischen Probleme der Forschung so präzise bündelt, nehme ich seine Arbeit zum Anlass, einen genaueren Blick auf dieses kontroverse Feld zu werfen. Dabei werde ich auch auf die bereits seit Jahren schwelende wissenschaftliche Debatte eingehen. Eine Debatte, die leider auch zeigt, wie schnell akademischer Diskurs in Grabenkämpfe abdriften kann.
Sue’s Taxonomie: Ein Konzept ohne empirische Prüfung
Das moderne Konzept der Mikroaggressionen geht maßgeblich auf Derald Wing Sue und Kolleg*innen zurück. In ihrem einflussreichen Artikel von 2007 in der Zeitschrift American Psychologist entwickelten sie eine Taxonomie rassistischer Mikroaggressionen mit drei Kategorien:
Mikroangriffe (Microassaults): Bewusste verbale oder nonverbale Angriffe, die darauf abzielen, eine Person durch Beschimpfungen, vermeidendes oder diskriminierendes Verhalten zu verletzen. Beispiel: Die bewusste Verwendung rassistischer Schimpfwörter.
Mikrobeleidigungen (Microinsults): Subtile, oft unbewusste Verhaltensweisen oder Äußerungen, die Unempfindlichkeit zeigen und eine Person herabsetzen. Beispiel: Eine Lehrerin, die eine Schülerin asiatischer Herkunft übergeht, obwohl sie sich meldet, weil sie annimmt, diese spräche schlecht Deutsch.
Mikroinvalidationen (Microinvalidations): Kommunikationen, die die Erfahrungen oder Realität einer Person negieren oder entwerten. Beispiel: “Ich sehe keine Hautfarbe” oder eben die berühmte Frage “Wo kommst du wirklich her?”, die impliziert, dass jemand nicht von hier sein kann.
Diese Taxonomie ist heute in Diversity-Trainings, universitären Leitfäden und therapeutischen Kontexten allgegenwärtig. Sie klingt einleuchtend, differenziert und wissenschaftlich fundiert.
Doch hier liegt das erste grundlegende Problem: Sue und Kollegen haben diese Kategorien konzeptuell entwickelt, basierend auf Erfahrungsberichten, qualitativen Interviews und theoretischen Überlegungen. Was sie nicht getan haben: Die Kategorien empirisch zu validieren. Gibt es diese drei Formen wirklich als unterscheidbare Phänomene? Werden sie tatsächlich unterschiedlich wahrgenommen oder verarbeitet? Haben sie unterschiedliche Auswirkungen? Lassen sie sich zuverlässig voneinander abgrenzen?
Diese Fragen wurden nie systematisch untersucht. Besonders bemerkenswert: Die dritte Kategorie, Mikroinvalidationen, wird in der öffentlichen Debatte oft vergessen oder mit Mikrobeleidigungen vermischt, obwohl sie konzeptuell unterschiedlich sein soll. Das deutet bereits darauf hin, dass die Abgrenzungen möglicherweise nicht so klar sind, wie die Taxonomie suggeriert.
Sue et al. (2007) präsentierten ihre Arbeit als empirisch informierte Theorie. Doch bei genauerer Betrachtung war es eher eine Theorie auf der Suche nach empirischer Bestätigung, die bis heute aussteht. Damit sind wir beim Kern des Problems: Ein Konzept, das als wissenschaftlich etabliert gilt, basiert auf einer nie geprüften konzeptuellen Grundlage.
Die Lilienfeld-Williams-Debatte: Sternstunde und Tiefpunkt wissenschaftlichen Diskurses
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung um Mikroaggressionen erreichte 2017 einen ersten Höhepunkt, als Scott Lilienfeld in Perspectives on Psychological Science einen umfassenden kritischen Artikel veröffentlichte: “Microaggressions: Strong Claims, Inadequate Evidence” (Lilienfeld, 2017). Es war eine der ersten systematischen methodischen Kritiken an der Mikroaggressions-Forschung und sie hatte es in sich.
Lilienfelds zentrale Kritikpunkte (2017)
Lilienfeld identifizierte mehrere fundamentale Probleme:
Konzeptuelle Unklarheit: Was genau macht eine Interaktion zu einer Mikroaggression? Die Definition war so weit gefasst, dass fast jede mehrdeutige Interaktion darunter fallen könnte.
Subjektivität der Messungen: Alle Studien maßen nur, wie Zielpersonen Interaktionen interpretierten und nicht, was tatsächlich geschah oder welche Intention dahintersteckte.
Fehlende kausale Evidenz: Die behaupteten negativen Auswirkungen basierten ausschließlich auf Korrelationsstudien. Alternative Erklärungen (z.B. dass neurotische Persönlichkeitsmerkmale sowohl zu negativeren Interpretationen als auch zu psychischen Problemen führen) wurden nicht untersucht. Zum Beispiel: Menschen mit höherer emotionaler Negativität (Neurotizismus) neigen sowohl dazu, mehrdeutige Situationen negativer zu interpretieren, als auch mehr psychische Probleme zu haben. Die beobachtete Korrelation zwischen berichteten Mikroaggressionen und psychischen Problemen könnte also ein Scheinzusammenhang sein.
Konfundierung mit anderen Konstrukten: Mikroaggressions-Skalen korrelierten so hoch mit Skalen zu allgemeiner Diskriminierung, dass unklar blieb, ob sie überhaupt etwas Eigenes messen.
Mangelnde Falsifizierbarkeit: Wenn jemand eine Interaktion nicht als Mikroaggression wahrnimmt, gilt das in der Literatur oft als Beweis für internalisierte Unterdrückung, das Konzept ist damit gegen Widerlegung immunisiert.
Seine Schlussfolgerung war scharf, aber wissenschaftlich begründet: Das Feld sei “viel zu unterentwickelt auf konzeptueller und methodischer Ebene, um eine praktische Anwendung zu rechtfertigen.” Er forderte ein Moratorium für Trainings und Richtlinien, die auf diesem unzureichend fundierten Konzept basieren.
Williams’ Replik (2020): Verteidigung und Konsolidierung
Drei Jahre später antwortete Monnica Williams mit einem umfassenden Artikel in derselben Zeitschrift: “Microaggressions: Clarification, Evidence, and Impact” (Williams, 2020). Sie verteidigte das Konzept energisch und versuchte, die Evidenzbasis zusammenzufassen.
Williams argumentierte:
Konzeptuelle Klarheit sei gegeben: Sue’s Taxonomie biete klare Definitionen und Kategorien.
Evidenz für Häufigkeit: Zahlreiche Studien zeigten, dass Menschen regelmäßig Mikroaggressionen berichten.
Evidenz für negative Auswirkungen: Eine lange Liste von Korrelationsstudien zeige Zusammenhänge zwischen berichteten Mikroaggressionen und psychischen Problemen.
Evidenz für rassistische Grundlage: Sie zitierte unter anderem die Studie von Kanter et al. (2017), die Korrelationen zwischen Rassismus-Maßen und der Neigung zu mikroaggressiven Verhaltensweisen fand.
Williams’ Artikel war eine beeindruckende Zusammenstellung der vorhandenen Literatur. Und dennoch, bei genauer Betrachtung, adressierte er Lilienfelds Kernkritiken nicht wirklich:
Studien über berichtete Häufigkeit sind keine Evidenz für tatsächliche Häufigkeit
Korrelationen mit psychischen Problemen sind keine Evidenz für kausale Auswirkungen
Korrelationen mit Rassismus-Maßen (und das nur bei einer Minderheit der Items) sind keine Evidenz dafür, dass spezifische Verhaltensweisen tatsächlich durch Rassismus verursacht werden
Die Debatte war bis hierhin wissenschaftlich wertvoll: Zwei Positionen, klar argumentiert, mit Referenzen unterlegt. So sollte akademischer Diskurs funktionieren.
Der Tiefpunkt: Die posthume Anschuldigung (2022)
Doch dann geschah etwas, das die Grenzen legitimer wissenschaftlicher Auseinandersetzung überschritt. Scott Lilienfeld verstarb unerwartet 2020. Zwei Jahre später veröffentlichten Williams, Faber und Duniya (2022) einen Artikel in The Cognitive Behaviour Therapist mit dem Titel “Being an Anti-Racist Clinician”.
Der Artikel listete acht prominente Psychologen der Geschichte auf, deren Werk angeblich “Rassismus gefördert” habe. Jeder Name war begleitet von der “repräsentativen rassistischen Überzeugung” der Person. Scott Lilienfeld erschien in dieser Liste posthum, mit der Zuschreibung: “Rassische Mikroaggressionen sind unbewiesen und wahrscheinlich nicht schädlich.”
Die Implikation war klar: Wer Mikroaggressions-Forschung kritisiert, fördert Rassismus.
Die Antwort der Scientific Community
Die Reaktion war deutlich. 63 Wissenschaftler*innen, Sozialpsycholog*innen, klinische Psycholog*innen und Psychiater*innen aus aller Welt, verfassten eine gemeinsame Antwort (McNally et al., 2024). Sie wiesen darauf hin, wie diese Anschuldigung eine “eigentümliche Form der Immunisierung gegen Widerlegung” darstellt:
Wenn Mikroaggressions-Forschung als per se antirassistisch gerahmt wird, dann wird jede Kritik daran automatisch als rassistisch gebrandmarkt. Kritik an der Theorie wird zum Beweis für das Phänomen. Das ist das Gegenteil von Wissenschaft, es ist dogmatisches Denken.
Die Unterzeichner*innen betonten auch, dass diese Art der Argumentation genau die Art von “organisierter Skepsis” untergräbt, die Robert Merton als eine der Säulen wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit identifiziert hatte. Wenn Wissenschaftler*innen Angst haben müssen, für methodische Kritik als Rassist*innen gebrandmarkt zu werden, dann ist der wissenschaftliche Fortschritt gefährdet.
Was bleibt von der Debatte?
Die Lilienfeld-Williams-Auseinandersetzung zeigt zweierlei:
Erstens: Die methodischen Probleme der Mikroaggressions-Forschung sind seit Jahren bekannt und wurden nie zufriedenstellend adressiert. Williams’ Verteidigung bot beeindruckende Literaturbände, aber keine methodischen Lösungen für die Kernprobleme.
Zweitens: Die Debatte illustriert, wie schnell wissenschaftlicher Diskurs entgleisen kann, wenn ein Forschungsfeld zu stark moralisiert wird. Wenn methodische Kritik als moralisches Vergehen gedeutet wird, leiden sowohl die Wissenschaft als auch die guten Absichten, die hinter der Forschung stehen.
Jussims und McNallys neue Analyse: Eine systematische Bestandsaufnahme
Hier kommen wir zu Lee Jussims und Richard McNallys aktueller Arbeit. Ihr noch unveröffentlichter Artikel (eingereicht für ein Special Issue über die Politisierung der Psychotherapie) nimmt den Faden von Lilienfeld auf und führt die methodische Kritik noch systematischer fort. Im Folgenden stelle ich ihre Hauptargumente dar.
Problem 1 – Wahrnehmung ist nicht Realität
Jussim und McNally beginnen mit einer grundlegenden Beobachtung: Fast alle empirischen Studien zu “Mikroaggressionen” messen tatsächlich nur subjektive Wahrnehmungen von Mikroaggressionen.
Ihre Analogie ist treffend: Realitäten werden nicht durch Wahrnehmungen erfasst. Wahlergebnisse werden nicht ermittelt, indem man Kandidaten fragt, wie viele Stimmen sie glauben erhalten zu haben, sondern man zählt die Stimmen. Die globale Erwärmung wird nicht dadurch gemessen, dass man Menschen fragt, ob ihnen wärmer ist, sondern man misst tatsächliche Temperaturen.
Ein Beispiel aus der Forschung: Newman et al. (2025) führten eine systematische Übersichtsarbeit durch und identifizierten:
26 qualitative Studien – alle erfassten selbstberichtete “Erfahrungen”
14 quantitative Studien – alle erfassten selbstberichtete Erfahrungen
Jussim und McNally zeigen auf: Obwohl Newman et al. anerkannten, dass die Forschung primär Wahrnehmungen erfasste, bezeichneten sie diese durchweg als Untersuchung von “Mikroaggressionen” statt von “Wahrnehmungen von Mikroaggressionen”.
Ob solche Studien indirekte Hinweise auf tatsächliche Mikroaggressionen liefern, würde eine Untersuchung des Zusammenhangs zwischen tatsächlichem mikroaggressivem Verhalten der Täter*innen und den Skalen erfordern. Jedoch hat keine einzige Studie dies je versucht.
Problem 2 – Wie Fragebögen (nicht) funktionieren
Jussim und McNally analysieren detailliert den weit verbreiteten Fragebogen von Nadal (2011). Nadals Instrument misst ausschließlich subjektive Berichte über die Häufigkeit verschiedener Erlebnisse, etwa: “Jemand hat mir aus rassistischen Gründen den Augenkontakt vermieden.”
Was Nadals Studien laut Jussim und McNally nicht testeten:
Ob die berichteten Erfahrungen mit dem tatsächlichen Verhalten angeblicher Täter übereinstimmen
Ob die angenommene Motivation korrekt ist
Ob das Verhalten durch unbewussten Rassismus motiviert war
Interessanterweise zeigen Jussim und McNally: Nadal (2011) fand, dass Menschen die angeblichen Mikroaggressionen als äußerst selten berichteten, d.h. typischerweise nicht mehr als dreimal in sechs Monaten. Selbst wenn man die subjektiven Berichte als valide akzeptiert, widerlegen diese Daten die Behauptung, Mikroaggressionen seien häufig.
Problem 3 – Korrelation ist nicht Kausalität
Ein weiteres Kernproblem: die systematische Verwechslung von Korrelation und Kausalität. Jussim und McNally analysieren ausführlich die bereits erwähnte Studie von Kanter et al. (2017).
Das Studiendesign: Kanter et al. präsentierten weißen Teilnehmern hypothetische Szenarien und fragten, ob sie bestimmte Gedanken oder Äußerungen haben würden. Die Antworten korrelierten mit Rassismus-Maßen (r ≈ 0.4).
Jussim und McNally identifizieren hier eine ganze Reihe von Problemen:
Kausalität aus Korrelation: Man kann aus einer Korrelation keine Kausalrichtung ableiten.
Fragwürdige Messung: Die Validität wurde nie geprüft, d.h., ob Teilnehmer tatsächlich so handeln würden, ist unbekannt.
Niedrige Häufigkeiten: Die Daten zeigen, dass wenige Teilnehmer tatsächlich Mikroaggressionen begehen würden (Mittelwerte meist unter 2 auf 5-Punkte-Skala).
Schwache empirische Basis: Nur 14 von 30 Items korrelierten signifikant mit Rassismus und mehr als die Hälfte nicht.
Kleine Stichprobe: Nur 33 schwarze und 118 weiße Studierende aus Kentucky, eine viel zu kleine Stichprobe für für generalisierbare Schlüsse.
Jussim und McNally betonen: Diese einzelne, kleine, nie replizierte Studie wird dennoch als Beleg verwendet, dass Rassismus Mikroaggressionen verursacht.
Der rhetorische Trick: Jussim und McNally weisen auf einen subtilen Punkt hin: Viele Forscher verwenden “Impact” (Auswirkung) statt “cause” (Ursache), um bei Korrelationsstudien kausale Behauptungen zu machen, ohne die rote Flagge zu setzen.
Ein Beispiel: Williams (2020) schreibt “Mikroaggressionen üben eine negative Auswirkung auf die psychische Gesundheit aus”, gefolgt von “...sind assoziiert mit...” und Korrelationsstudien.
Problem 4 – Die experimentellen Studien
Jussim und McNally analysieren auch die wenigen experimentellen Studien. Beispiel: Kim, Block & Nguyen (2019) zeigten Doktorand*innen Vignetten und erfassten deren Meinungen über “wahrgenommene Effekte”.
Die Probleme:
Keine tatsächlichen Effekte auf tatsächliche Zielpersonen wurden erfasst
Die Vignetten erfüllten oft nicht die Definition von “subtil”. Beispiel: Ein Manager verwendet das Wort “Chinks”. Das ist offene rassistische Beleidigung, keine Mikroaggression per der Definition von Sue.
Die Vignetten basierten nicht auf empirisch nachgewiesenen Verhaltensweisen, sondern auf Konsultationen mit “Expert*innen”.
Dies wirft für Jussim und McNally die Frage auf: Was macht jemanden zum “Experten” für ein Phänomen, dessen Existenz nie empirisch belegt wurde?
Jussims und McNallys Fazit
Ihre Schlussfolgerung ist eindeutig: Nach 50 Jahren wurden die Hauptbehauptungen über Mikroaggressionen nicht empirisch nachgewiesen.
Was wir haben: Viel Wissen über selbstberichtete Erfahrungen, gemessen durch Fragebögen fragwürdiger Validität.
Was wir nicht haben:
Studien, die tatsächliches mikroaggressives Verhalten messen
Studien, die zeigen, dass Rassismus die bezeichneten Verhaltensweisen verursacht
Kausale Evidenz für negative Auswirkungen
Valide Messungen der Häufigkeit tatsächlicher (nicht wahrgenommener) Mikroaggressionen
Was bedeutet das für die Praxis?
Die methodischen Probleme haben konkrete Implikationen für Therapie, Training und Diversity-Arbeit.
Klinische Implikationen
Jussim und McNally betonen: Die vielen Einschränkungen der Forschung bedeuten, dass sie nicht bereit ist für die Gestaltung therapeutischer Interventionen.
Während es angemessen ist, Klienten zu helfen, mit Erfahrungen von Diskriminierung umzugehen, riskiert es Schaden, Klienten dazu zu bringen, mehrdeutige Situationen automatisch als Mikroaggressionen zu interpretieren. Statt konstruktive soziale Interaktionen zu fördern, dürfte dies Wut und Groll induzieren (siehe auch Jagdeep et al., 2024).
Eine empirische Frage, die nie untersucht wurde: Führt Therapie, die Klient*innen beibringt, mehrdeutige Interaktionen als Mikroaggressionen zu sehen, zu besseren Langzeitergebnissen als Therapie, die zwischenmenschliche Großzügigkeit kultiviert?Hier wagen Jussim und McNally eine Vorhersage: Das Kultivieren dessen, was Haidt (2017) “Großzügigkeit des Geistes” nannte, dürfte bessere therapeutische Ergebnisse produzieren als eine Denkweise, die überall Feindseligkeit sieht.
Implikationen für Trainings und Richtlinien
Lilienfelds Forderung nach einem Moratorium für Trainings erscheint vor diesem Hintergrund noch begründeter. Wenn die konzeptuelle und empirische Basis so schwach ist, wie können wir dann rechtfertigen:
Kostenintensive Trainings-Programme zu finanzieren?
Menschen zu sanktionieren, die angeblich Mikroaggressionen begangen haben?
Therapeutische Interventionen auf diesem Konzept aufzubauen?
Das heißt nicht, dass zwischenmenschliche Verletzungen nicht existieren oder nicht ernst genommen werden sollten. Es heißt nur: Wir sollten vorsichtig sein mit Interventionen, die auf wissenschaftlich unzureichend fundierten Konzepten basieren.
Zurück zur Eingangsfrage: “Wo kommst du her?”
Kehren wir zur Frage vom Anfang zurück. Die Forschung kann uns nicht sagen, ob diese Frage eine Mikroaggression ist. Sie kann uns nur sagen, dass manche Menschen sie als verletzend wahrnehmen und andere nicht.
Ob die Person, die fragt, rassistisch motiviert ist, unbewusst voreingenommen oder einfach nur Konversation macht, das wissen wir nicht. Die Forschung hat es nie untersucht.
Das heißt nicht, dass die Frage nie problematisch sein kann. Der Kontext macht den Unterschied:
Bei einem Bewerbungsgespräch? Unangemessen und möglicherweise diskriminierend.
Bei einem ersten Date, wo beide über ihre Herkunft sprechen? Legitimes Interesse.
Von jemandem, der einem immer wieder die Zugehörigkeit abspricht? Verletzend.
Von jemandem, der genuine Neugier zeigt? Höfliches Kennenlernen.
Die Pointe: Wir sollten vorsichtig sein mit kategorischen Urteilen, wenn die empirische Basis fehlt. Manchmal ist Großzügigkeit in der Interpretation der wichtigste Schritt zu besseren zwischenmenschlichen Beziehungen.
Fazit: Komplexität aushalten
Nach 50 Jahren Forschung zu Mikroaggressionen stehen wir vor einer ernüchternden Bilanz:
Sue’s Taxonomie wurde nie empirisch validiert
Die Messinstrumente erfassen Wahrnehmungen, nicht Realitäten
Die kausalen Behauptungen basieren auf Korrelationen
Die experimentellen Studien haben schwerwiegende methodische Limitationen
Die Häufigkeit ist weit geringer als behauptet
Die rassistische Basis ist empirisch kaum belegt
Das bedeutet nicht, dass zwischenmenschliche Verletzungen nicht existieren. Es bedeutet nicht, dass Diskriminierung kein Problem ist. Es bedeutet auch nicht, dass wir nicht sensibel für die Erfahrungen anderer sein sollten.
Es bedeutet nur: Ein wissenschaftliches Konzept, das als gut etabliert verkauft wird, ist es nicht. Und das hat Konsequenzen für Therapie, für Trainings, für Richtlinien und für den wissenschaftlichen Diskurs selbst.
Die Lilienfeld-Williams-Debatte zeigt, wie wichtig es ist, methodische Kritik von moralischen Urteilen zu trennen. Kritik an der Forschung ist nicht Leugnung von Diskriminierung. Es ist schlicht Wissenschaft.
Jussim und McNallys Arbeit setzt diese notwendige Kritik fort. Ihr Artikel ist noch ein Preprint und wird sich möglicherweise noch verändern. Doch die Kernargumente verdienen Aufmerksamkeit gerade weil sie unbequem sind.
Vielleicht brauchen wir weniger kategorische Diagnosen und mehr Raum für Ambiguität. Weniger Automatismen in der Interpretation und mehr Großzügigkeit. Weniger Gewissheit über die Intentionen anderer und mehr Dialog.
Die Komplexität menschlicher Interaktion lässt sich nicht in einfache Kategorien pressen. Und genau das sollte uns die Geschichte der Mikroaggressions-Forschung lehren: Vorsicht vor vorschnellen Schlüssen, auch wenn sie gut gemeint sind.
Die Wissenschaft ist ein selbstkorrigierendes System. Aber sie korrigiert sich nur, wenn wir bereit sind, auch populäre Konzepte kritisch zu hinterfragen. Genau das tun Jussim und McNally und genau das sollten wir alle tun.
Referenzen:
Die vollständige Referenzliste findet sich in Lee Jussims Originalartikel: Unsafe Science - Research on Microaggressions
Zentrale Referenzen:
Lilienfeld, S. O. (2017). Microaggressions: Strong Claims, Inadequate Evidence. Perspectives on Psychological Science, 12(1), 138-169.
Sue, D. W., et al. (2007). Racial microaggressions in everyday life: Implications for clinical practice. American Psychologist, 62(4), 271-286.
Williams, M. T. (2020). Microaggressions: Clarification, Evidence, and Impact. Perspectives on Psychological Science, 15(1), 3-26.
Williams, M. T., Faber, S. C., & Duniya, C. (2022). Being an Anti-Racist Clinician. The Cognitive Behaviour Therapist, 12, e19.
McNally, R. J., et al. (2024). Comment on “Being an Anti-Racist Clinician.” The Cognitive Behaviour Therapist.


„Alternative Erklärungen (z.b. …) wurden nicht untersucht. Alternative Erklärungen wurden nicht untersucht.“ - Abschnitt Lilienthal.
Wenn es gleich zwei Mal da steht muss es wahr sein.
Personen in der Apophänie filtern ihre Problematik aus ihren Wahrnehmungen und zentrieren sich darauf. Hier handelt es sich um eine aggressive Beweislast-Umkehr.