From Worriers to Warriors: Wie der Aufstieg der Frauen die akademische Kultur verändert
Teil 1: Die These von Cory Clark (2025)
Ein neuer Artikel hat in den englischsprachigen Social Media Netzwerken bereits für einiges an Kontroverse gesorgt. In dieser zweiteiligen Reihe stelle ich erst die zentralen Thesen dieses Artikels vor (Teil 1). In Teil 2 werde ich dann über seine methodischen Stärken und Schwächen sprechen und eine Einordnung vornehmen.
Teil 1: Eine These und ihre empirischen Grundlagen
In der Oktober-Ausgabe 2025 des Journal of Controversial Ideas hat die Psychologin Cory Clark von der University of Pennsylvania einen Artikel veröffentlicht, der bereits vor seiner Publikation für Diskussionen sorgte. Unter dem Titel “From Worriers to Warriors: The Cultural Rise of Women” argumentiert Clark, dass der dramatische Anstieg des Frauenanteils in akademischen Institutionen zu messbaren kulturellen Veränderungen geführt hat – und zwar aufgrund evolutionär bedingter psychologischer Geschlechtsunterschiede.
Die zentrale These
Clarks Ausgangspunkt ist eine empirische Beobachtung: Erstmals in der Geschichte verfügen Frauen über substanzielle kulturelle und institutionelle Macht. Besonders dramatisch ist dieser Wandel in der Wissenschaft. Während Frauen vor 70 Jahren in den meisten kulturell bedeutsamen Institutionen praktisch keine Repräsentation hatten, stellen sie heute in vielen Bereichen die Mehrheit.
In den USA beispielsweise erreichten Frauen folgende “Meilensteine” (Anführungszeichen meine) (Schaeffer, 2023):
Mehr als 10% der staatlichen Parlamente: 1979
Mehr als 10% im Repräsentantenhaus: 1993
Mehr als 10% im Senat: 2001
Mehr als 10% der Fortune-500-CEOs: 2023
Besonders eindrucksvoll ist die Entwicklung in der Hochschulbildung in den USA (National Center for Education Statistics, 2021, 2023a, 2023b):
Seit 1983 erwerben Frauen die Mehrheit der Bachelor-Abschlüsse
Seit 2006 die Mehrheit der Promotionen
Seit 2019 stellen sie die Mehrheit des wissenschaftlichen Personals (allerdings noch nicht der Professor*innen)
Clark argumentiert nun, dass diese demografische Verschiebung nicht neutral ist, sondern systematische Auswirkungen auf institutionelle Kulturen hat und zwar weil Männer und Frauen im Durchschnitt unterschiedliche Werte und Prioritäten haben.
Die evolutionspsychologische Grundlage
Clark stützt sich dabei primär auf die Arbeiten von Joyce Benenson, die in ihrem Buch “Warriors and Worriers: The Survival of the Sexes” (2014) ein einflussreiches Framework entwickelt hat. Benenson argumentiert, dass Männer und Frauen aufgrund unterschiedlicher evolutionärer Herausforderungen verschiedene psychologische Dispositionen entwickelt haben:
Männer (”Warriors”):
Größere soziale Netzwerke (Benenson, 1990)
Höhere Toleranz gegenüber genetisch nicht verwandten Peers (Benenson et al., 2009)
Stärkere Orientierung an den Fähigkeiten anderer (Benenson, 1990)
Mehr post-konfliktive Versöhnung (Benenson et al., 2018; Benenson & Wrangham, 2016)
Präferenz für merit-basierte Belohnungen (Benenson et al., 2019)
Frauen (”Worriers”):
Präferenz für dyadische Beziehungen (Benenson, 1993)
Empfinden große Gruppen als aversiv (Benenson et al., 2008)
Reduzieren Gruppengröße durch Ostrazismus (Benenson et al., 2013)
Fragilere Freundschaften (Benenson & Christakos, 2003)
Präferenz, gleich gut wie Freundinnen abzuschneiden statt besser (Benenson & Schinazi, 2004)
Fokus auf Freundlichkeit von Peers (Benenson, 1990)
Gleichmäßigere Verteilung von Belohnungen (Benenson et al., 2019)
Höhere Empathie und Hilfsbereitschaft gegenüber Opfern (Benenson et al., 2021)
Ein besonders eindrucksvolles Experiment illustriert diese Unterschiede: Benenson und Kollegen (2019) ließen Kinder im Alter von 3-5 Jahren zwei Malereien bewerten – eine ordentliche und eine unordentliche – und entscheiden, wie viele Belohnungssticker sie jeweils vergeben. Jungen vergaben signifikant mehr Sticker an die ordentliche Malerei (Merit-Prinzip), während Mädchen tendenziell beiden die gleiche Anzahl gaben (Gleichheitsprinzip).
Drei Dimensionen des kulturellen Wandels
Clark identifiziert drei Hauptbereiche, in denen sich der Einfluss weiblicher Werte in der Wissenschaft manifestiert:
1. Präferenz für Gleichheit über Merit-basierte Hierarchien
Die Umfragedaten zeigen konsistente Geschlechtsunterschiede: Frauen priorisieren soziale Gerechtigkeit höher als akademische Freiheit (Geher et al., 2020; Kaufmann, 2021; Rausch et al., 2022), bevorzugen inklusive Inhalte gegenüber intellektuell fundamentalen Texten (Kaufmann, 2021) und befürworten eher Diversitätsquoten in Leselisten.
In Clarks eigener Studie mit 470 US-Psychologieprofessor*innen (Clark et al., 2024) gaben 66,4% der Männer, aber nur 43% der Frauen an, dass Wissenschaftler die Wahrheit über soziale Gleichheitsziele stellen sollten, wenn diese in Konflikt geraten.
Clark sieht einen Zusammenhang zwischen diesen Wertepräferenzen und der massiven Ausweitung von Diversity, Equity und Inclusion (DEI)-Programmen an Universitäten (Confessore, 2024; Paul & Maranto, 2021; Tiede, 2022). Ein Beispiel: Die Society for Personality and Social Psychology führte 2023 eine Einreichungsrichtlinie ein, die von Vortragenden verlangte zu erklären, wie ihre Präsentation DEI-Ziele voranbringt (Haidt, 2022). Diese Entscheidung fiel unter einem Vorstand, der zu etwa 85% weiblich war (Clark & Winegard, 2022).
2. Priorisierung von Schadensvermeidung über Wahrheitssuche
Frauen zeigen durchweg niedrigere Schwellenwerte für die Unterdrückung von Forschung aus Gründen der Schadensvermeidung. In Clarks Studie (Clark et al., 2024) sagten 48,3% der männlichen, aber nur 30,5% der weiblichen Psychologieprofessor*innen, dass Wissenschaft niemals unterdrückt werden sollte.
Eine großangelegte Studie von Emily Ekins (2017) mit 2.300 US-Erwachsenen zeigte systematische Geschlechtsunterschiede bei der Unterstützung von Sprachrestriktionen:
48% der Frauen vs. 32% der Männer befürworten staatliche Verbote von Hassrede
64% der Frauen vs. 44% der Männer meinen, Universitäten sollten Studierende vor beleidigenden Ideen schützen
67% der Frauen vs. 49% der Männer befürworten die Absage von Rednern bei drohenden gewalttätigen Protesten
Clark sieht diese Präferenzen reflektiert in der Ausweitung von Safe Spaces, Trigger-Warnungen, anonymen Meldesystemen und überarbeiteten Verhaltenskodizes. Besonders bedeutsam: Top-Journals wie Nature (2022) und Nature Human Behaviour (2022) haben “Do No Harm” als wissenschaftliches Kriterium für Publikationen eingeführt – nicht als ethische Richtlinie für die Behandlung von Studienteilnehmern, sondern bezüglich potenzieller Schäden durch die Veröffentlichung von Forschung.
3. Verstärkte soziale Exklusion als Konfliktlösungsstrategie
Frauen zeigen durchweg höhere Unterstützung für die Bestrafung, öffentliche Beschämung und den Ausschluss moralisch fragwürdiger Kollegen. In Clarks Studie (Clark et al., 2024) sagten 60,5% der männlichen, aber nur 39,8% der weiblichen Psychologieprofessor*innen, dass Wissenschaftler völlig frei forschen können sollten, ohne institutionelle Bestrafung für ihre Schlussfolgerungen fürchten zu müssen.
Konkret zeigten sich geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Unterstützung verschiedener Sanktionen gegen Wissenschaftler, die biologische Erklärungen für Gruppenunterschiede berichten (auf einer Skala von 0-100):
Soziale Ostrazisierung: Männer 11,3, Frauen 21,3
Von Vorträgen ausladen: Männer 18,2, Frauen 28,8
Aus Führungspositionen entfernen: Männer 19,7, Frauen 33,6
Entlassung: Männer 4,7, Frauen 8,9
Dieser Unterschied in der Bestrafung ist laut Clark evolutionär begründet: Männer waren historisch auf große Koalitionen angewiesen, um im Wettbewerb zu bestehen. Sie neigen daher dazu, Verfehlungen kompetenter Partner eher zu verzeihen, um die Schlagkraft der Gruppe zu erhalten. Frauen hingegen verfolgen eine Strategie der ‚sozialen Säuberung‘: Um das direkte Umfeld sicher zu halten, zielen sie darauf ab, Risikoquellen und moralisch fragwürdige Akteure dauerhaft aus der Gemeinschaft zu entfernen (Ostracismus), statt sie zu reintegrieren. Was wir heute als ‚Cancel Culture‘ bezeichnen, ist demnach die Skalierung dieser weiblichen Strategie auf institutionelle Ebene.
In Kaufmanns (2021) Studien mit britischen, US-amerikanischen und kanadischen Akademikern waren Frauen durchweg eher bereit, offene Briefe zur Entlassung von Kollegen zu unterzeichnen, deren Forschung als Gefährdung benachteiligter Gruppen wahrgenommen wurde.
Empirische Belege für institutionelle Veränderungen
Clark präsentiert auch direkte Evidenz für einige der von ihr postulierten Zusammenhänge:
1. Noteninflation
Mehrere Studien zeigen, dass weibliche Lehrkräfte höhere Noten vergeben als männliche. Eine israelische Studie mit 3.446 Schülern fand, dass das Geschlecht der Lehrkraft der stärkste Prädiktor für höhere Noten war (Klein, 2004). Eine chinesische Studie mit über 24.000 Lehrer-Schüler-Paaren zeigte ähnliche Muster (Cheng & Kong, 2023). Ähnliche Ergebnisse fanden sich bei US-Hochschuldozent*innen (Bailey et al., 2020; Jewell & McPherson, 2012).
Gleichzeitig ist die durchschnittliche High-School-GPA in den USA von 2,68 (1990) auf 3,39 (2021) gestiegen (Sanchez & Moore, 2022), während die Leistungen in standardisierten Tests eher stagnierten oder sanken (Aldric, 2024).
Clark liefert hierfür eine psychologische Erklärung, die direkt an das oben erwähnte Sticker-Experiment anknüpft: So wie Mädchen dazu tendieren, Belohnungen unabhängig von der Leistung gleichmäßig zu verteilen, neigen weibliche Lehrende eher dazu, Leistungsunterschiede einzuebnen. Dies spiegelt die weibliche Präferenz wider, Hierarchien flach zu halten und negative Emotionen bei Peers zu vermeiden. Während Männer eher bereit sind, Kompetenzunterschiede deutlich zu markieren, führt der weibliche Fokus auf Ergebnisgleichheit (Equity) dazu, dass sich die Bewertungen am oberen Ende der Skala stauen.
2. Zunahme von “Cancel Culture”
Die Zahl der Wissenschaftler*innen, die wegen ihrer Forschung oder Lehre sanktioniert wurden, hat in den letzten Jahren Rekordwerte erreicht (Clark et al., 2023; German & Stevens, 2021). Der Begriff “Cancel Culture” in der akademischen Literatur zeigt einen dramatischen Anstieg: nur 398 Google Scholar-Treffer zwischen 2015-2019, aber 15.800 zwischen 2020-2024.
3. Auswirkungen über die Wissenschaft hinaus
Clark spekuliert über weitere gesellschaftliche Bereiche, in denen der Aufstieg der Frauen kulturelle Veränderungen bewirkt haben könnte:
LGBT-Rechte: Frauen waren historisch toleranter gegenüber Homosexualität als Männer (Pew, 2017). Clark argumentiert, dass ohne den Aufstieg weiblichen Einflusses die LGBT-Bewegung möglicherweise nicht so schnell so erfolgreich gewesen wäre.
Tierrechte: Frauen zeigen durchweg mehr Sorge um Tiere und lehnen ihre Nutzung stärker ab (Graça et al., 2018; Herzog, 2007). Sie stellen etwa 70% der Tierrechtsaktivisten (Gaarder, 2011) und sind doppelt so häufig vegetarisch oder vegan (Modlinska et al., 2020).
Psychische Gesundheit: Frauen suchen mehr psychische Gesundheitsversorgung (Oliver et al., 2005; Mackenzie et al., 2006) und stellen 72% der praktizierenden Psycholog*innen in den USA (American Psychological Association, 2023). Gleichzeitig steigen die Raten psychischer Gesundheitsprobleme, besonders Angst und Depression (American Psychiatric Association, 2024; Goodwin et al., 2020).
Rechenschaftspflicht kompetenter aber unethischer Führungskräfte: In einer eigenen kleinen Studie (n=500) fand Clark, dass Männer eher zustimmen, dass erfolgreiche Gruppen manchmal Führungskräfte brauchen, die bereit sind, Regeln zu beugen (d = 0,25), und dass es akzeptabel ist, einen CEO weiterarbeiten zu lassen, wenn Vorwürfe unethischen Verhaltens nicht leicht verifizierbar sind (d = 0,44). Frauen priorisierten leicht moralisch gute Führungskräfte über kompetente, während Männer das Gegenteil zeigten (d = 0,34).
Fazit
Clarks Artikel präsentiert eine provokante These: Der rapide Anstieg des Frauenanteils in akademischen Institutionen hat aufgrund durchschnittlicher psychologischer Geschlechtsunterschiede zu messbaren kulturellen Veränderungen geführt. Sie dokumentiert systematische Unterschiede in selbstberichteten akademischen Prioritäten zwischen Männern und Frauen und argumentiert, dass diese Unterschiede sich in institutionellen Veränderungen wie DEI-Initiativen, Noteninflation, Safe Spaces, Trigger-Warnungen und zunehmender “Cancel Culture” widerspiegeln.
Im zweiten Teil dieser Serie werde ich eine kritische methodische Einordnung vornehmen und die Frage diskutieren, wie überzeugend Clarks Argumentation letztlich ist.
Quellen:
Clark, C. J. (2025). From worriers to warriors: The cultural rise of women. Journal of Controversial Ideas, 5(2). https://doi.org/10.63466/jci05020006
Hinweis: Die anderen Quellen werden von Clark (2025) zitiert.





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