Diskussion über diese Post

Avatar von User
Avatar von M. Kuemin
May 18Bearbeitet

Ich denke, Haidts Buch und die Dopamin-These sind deshalb so erfolgreich, weil sie etwas bestätigen, das viele Menschen an sich selber und bei ihren Kindern feststellen: Sie haben immer mehr Mühe sich länger auf etwas zu konzentrieren, scrollen stundenlang durch ihren Feed, vernachlässigen soziale Kontakte etc. Gerade auch diese Erfahrung, dass man sich vornimmt, heute nicht zu lange Zeit auf Tiktok oder Instagram zu verbringen und plötzlich ist es 01:00 Uhr, man hat fünf Stunden Videos geschaut, kann sich aber an keines erinnern und fühlt sich schlecht. Dieses Erlebnis ist zumindest subjektiv schon deutlich näher dran an einem Drogenrausch als an einem Fussballspiel mit Freunden. Ich und auch grosse Teile meines Umfelds haben diese Erfahrungen gemacht, und das Internet ist voll von solchen Berichten. Menschen tun sich bekanntlich schwer damit, wissenschaftliche Erkenntnisse zu akzeptieren, die ihrer eigenen Wahrnehmung widersprechen. Andererseits stellt sich natürlich die Frage, ob eventuell auch die Methodiken unzureichend sind, um das Phänomen zu erfassen. Der d2 Test misst z.B. eine sehr spezifische Art der Aufmerksamkeit: man ist in einer Prüfungssituation und hat 4 Minuten und 40 Sekunden Zeit. Der Test misst also nicht die Länge der Aufmerksamkeitsspanne, sondern wie gut man sich in einer kurzen Zeitspanne konzentrieren kann. Womit die meisten Menschen jedoch Mühe haben, ist nicht, kurze Zeit hoch konzentriert zu sein, sondern einen längeren Text zu lesen oder einen Film zu schauen, ohne dauernd auf das Smartphone zu blicken.

"Damit unterscheidet sich das Handy nicht von Kollegen, die anrufen, von Vögeln, die gegen die Scheibe fliegen oder von Baustellen vor dem Büro." Wenn man beim Smartphone die Benachrichtigungen nicht bewusst ausschaltet, erhält man pro Stunde unzählige Benachrichtigungen. Falls sich vor Ihrem Fenster die toten Vögel stapeln sollten, wäre es Zeit für einige dieser schwarzen Vogel-Sticker. Und Baustellenlärm rund um die Uhr über Jahre wäre tatsächlich ein ziemliches Problem für die Produktivität und das Wohlbefinden. Dass das Handy ausgeschaltet nicht den behaupteten Effekt zeigt, ändert nicht wirklich etwas am Grundproblem.

Noch zu Ihrem Vergleich mit Nahrungsmitteln: "Niemand käme auf die Idee, der Rügenwalder Mühle Sucht-Erzeugung im klinischen Sinn zu unterstellen, weil sie ihre veganen Würstchen geschmacklich optimiert." Das stimmt so nicht. Es gibt durchaus einige Forschende, die davon ausgehen, dass Lebensmittel im klinischen Sinn süchtig machen können z.B. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3171738/. "Niemand fordert ein Verbot von Coca-Cola für unter Sechzehnjährige, weil sie gezielt süß und kohlensäurereich gemacht wird." Nicht Coca-Cola, aber Red Bull: https://www.tagesanzeiger.ch/angstzustaende-und-schlaflosigkeit-parlamentarier-wollen-red-bull-fuer-junge-verbieten-520344165187

"Die Vierzehnjährige, die ihrer Lieblings-Influencerin folgt, gilt als parasozial gestört. Der Sechzigjährige, der das Werk Thomas Manns in Detailforen diskutiert, gilt als gebildet." Würden Sie demnach auch sagen, dass ein Literaturstudium im Grunde das Gleiche ist, wie 5000 Stunden Influencer-Livestreams zu schauen?

Avatar von Fabian Müller-Klug

Jetzt möchte ich gerne nochmal schreiben und Ihnen Rückmeldung geben. Hochachtung davor, wie Sie solche Texte hinbekommen. Das ist doch mehr als Hobby, oder? 😎

Wie können Sie die Lebenszeit dafür freischaufeln? Mein letzter Text, den ich verfasst habe, ist > 10 Jahre her und an dem habe ich wochenlang geschrieben…

Zwei Gedanken, die mich schon weiterhin beschäftigen: Es gab mal einen TED-Talk, da hat jemand aufgezeigt, wieviele Lebensjahre wir vor dem Smartphone verbringen, wenn wir am Tag damit zwei oder vier Stunden damit umgehen. Bei vier Stunden 25 % der Wachzeit im Leben.

Da würde ich dann doch gerne sinnvolleres tun, für mich und/oder andere Menschen. Aber klar, Geschmackssache. „Das“ Smartphone klaut mir jedenfalls viel von der früheren Buchlesezeit und meine persönliche Evidenz ist, dass ich schon massive Schwierigkeiten habe, davon wegzukommen. MÜsdte dann aber auch auf das Lesen so toller Artikel wie von Ihnen verzichten… 😊

Zweiter Punkt: Andrian Kreye hat in seinem Buch über die kurze Geschichte der Digitalisierung den geringeren Produktivitätszuwachs der letzten ca. 10 Jahre in Zusammenhang gebracht mit dem massiven Anstieg der Smartphonenutzung. Wieviele Millionen Stunden verbringt eine Gesellschaft vor diesem Gerät und der dabei meistgenutzten Software? INsta? TikTok..

Da wurden die Kundenbedürfnisse schon sehr genau erfasst und befriedigt.. 🤪

12 weitere Kommentare …

Keine Posts

Sind Sie bereit für mehr?